80 Prozent der registrierten Kindsmisshandlungen finden innerhalb der Familie statt

Neuste Zahlen: 2016 wurden in Schweizer Kinderkliniken 1575 Kinder ambulant oder stationär wegen einer vermuteten oder sicheren Kindsmisshandlung behandelt. 2 dieser Kinder sind in Folge der Misshandlung gestorben. Dies zeigt der jährliche Bericht der Gesellschaft für Pädiatrie, welche die Zahlen von 21 der 25 Kinderklinken erheben und bearbeiten konnte. Langjährige Erhebungen zeigen: Die Hälfte dieser Fälle betreffen Kinder unter 6 Jahren, ein Fünftel Kinder unter 2 Jahren. Erhoben werden diese Fälle, in denen eine ärztliche Behandlung notwendig ist. Es handelt sich dabei also nur um die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer weder ärztlich verzeichneter noch an Behörden gemeldeter Fällen ist gross. 

Kinderschutz Schweiz ist besorgt über die jährlich hohe Anzahl Kinder, die in den Kinderkliniken behandelt werden. Leider fehlen für die Schweiz Zahlen, die ein Gesamtbild geben würden, auch über die Situation von Kindern, die nicht in einer Klinik behandelt wurden. Die hohen wie auch ansteigenden Zahlen zeigen den grossen Handlungsbedarf im Bereich des Schutzes der Kinder vor physischen und psychischen Kindsmisshandlungen. Die genauere Betrachtung der Zahlen beleuchtet zentrale Erkenntnisse, auf die von Fachpersonen immer wieder hingewiesen wird.

  • Kindsmisshandlungen finden überwiegend in der Familie statt: Über 95 % der Fälle von psychischer Misshandlung oder von Vernachlässigung finden im Familienrahmen statt, bei körperlicher Misshandlung sind es 76 %, bei sexuellem Missbrauch 39,2 %. Gut 20 % der sexuellen Übergriffe werden durch Fremdtäter oder unbekannte Täter begangen (Nationale Kinderschutzstatistik ssp/sgp)
  • Häusliche Gewalt bedeutet für die betroffenen Kinder eine schwerwiegende Belastung und Gewaltform. Vor allem die psychische Misshandlung von Kindern durch das Erleben elterlicher Paargewalt wird mit den neuen Zahlen ersichtlich. Dies zeigt sich in der Zunahme der Fälle in den Universitätskliniken von Genf und Lausanne. In diesen werden nach jedem Polizeieinsatz in Sachen häuslicher Gewalt die betroffenen Kinder an die Kinderklinik gemeldet und ihr psychischer Zustand wird untersucht. Die Erfahrungen in Genf und Lausanne zeigen den grossen Handlungsbedarf in diesem Bereich (siehe auch Kinder im Kontext häuslicher Gewalt). Für das Jahr 2015 sind in der Polizeistatistik 17'207 Fälle von häuslicher Gewalt verzeichnet, in der Hälfte der Fälle sind auch Kinder betroffen.

Die Familie als Ort der Förderung und des Schutzes aber auch der Gefährdung

Die Familie ist für die Kinder in der Regel ein Ort, an dem sie Liebe, Schutz und Förderung erfahren. Für Kinder ist dieser „geschützte“ Ort – insbesondere in den ersten Lebensjahren – von elementarer Bedeutung, um Vertrauen zu bilden, Bindungen zu festigen. Leider ist dieser Ort – insbesondere in den ersten Lebensjahren – für eine beträchtliche Anzahl Kinder auch ein Ort der Gefährdung.

Was bedeutet das für das Kindesschutzsystem? Hilfe für die Kinder, aber auch für die Familien

Wenn innerhalb der Familie das Kindeswohl gefährdet ist, ist Hilfe von aussen unabdingbar. Nicht selten gelangen Eltern auf der Suche nach Hilfe und Unterstützung freiwillig an die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden (KESB) oder an Beratungsstellen. Oftmals gelingt die Unterstützung der Familie im Rahmen des freiwilligen Kindeschutzes, sprich eine Hilfe/Verbesserung der Situation gelingt ohne behördliche Anordnung, die Kindeswohlgefährdung kann abgewendet werden.

„Kindsmisshandlung ist die nicht zufällige, bewusste oder unbewusste körperliche und / oder seelische Schädigung (durch aktives Handeln oder durch Unterlassung) durch Personen (Eltern, andere Erziehungsberechtigte, Dritte), Institutionen und gesellschaftliche Strukturen, die zu Entwicklungshemmungen, Verletzungen oder zum Tode führen, eingeschlossen die Vernachlässigung kindlicher Bedürfnisse“ (Ulrich Lips 2011: Kindsmisshandlung -  Kindesschutz. Ein Leitfaden zur Früherfassung in der ärztlichen Praxis; Bern, Stiftung Kinderschutz Schweiz (Eigenverlag).

In Fällen gravierender Kindswohlgefährdungen ist eine Intervention in Form von Schutz- und Unterstützungsmassnahmen der Behörden unerlässlich. Die Kinderschutzgruppen der Kinderkliniken haben 2016 in 419 Fällen eine Meldung an die KESB gemacht, in 119 Fällen haben sie eine Meldung empfohlen. In anderen Fällen haben die KESB auch Kinder an die Kinderkliniken überwiesen. 2016 waren es 268 Kinder, die durch die KESB überwiesen wurden und eine ärztliche Diagnose und Behandlung benötigten.

Professioneller Kindesschutz ermöglicht massgeschneiderte und verhältnismässige Schutz- und Unterstützungsmassnahmen

Die KESB sind in der Lage, gemeldete Kindswohlgefährdungen professionell abzuklären und einzuschätzen und bei Notwendigkeit massgeschneiderte Massnahmen zum Schutz der betroffenen Kinder einzuleiten. Wenn die KESB Massnahmen anordnet, handelt es sich nicht um „Bagatellen“, sondern um Fälle, in denen das Kindeswohl ernsthaft bedroht und zum Schutz beziehungsweise zur Stabilisierung oder zur Wiederherstellung des Kindeswohls ein Eingreifen unausweichlich ist. Die KESB ordnet Kindesschutzmassnahmen nur dann an, wenn die Betreuungspersonen nicht von sich aus Abhilfe schaffen können.

Das Prinzip der Subsidiarität („Hilfe vor Anordnung“) wie auch der Verhältnismässigkeit („Wahl der mildesten der geeigneten und möglichen Interventionen“) wird durch die Behörden umgesetzt – das ist gut und richtig so!

Für die seit mehreren Jahren steigenden Fallzahlen an den Kinderkliniken gibt es keine erhärtete Erklärung. Höhere Zahlen können ein Indiz dafür sein, dass die Sensibilisierung höher ist und die Früherkennung immer besser funktioniert. Um diese Entwicklung voranzutreiben, braucht es eine konsequentere Ausbildung der Fachpersonen, die mit Kindern arbeiten und weiterhin professionelle Kindeschutzbehörden, die bedacht die ihnen anvertrauten Meldungen prüfen und bei Notwendigkeit handeln.

Die entscheidende Rolle der Früherkennung und des frühen Eingreifens der Kindesschutzbehörde zur Verhinderung von Kindsmisshandlungen ist in Fachkreisen unumstritten und in Anbetracht der hohen Fallzahl von grosser Wichtigkeit. Kinderschutz Schweiz wird sich weiterhin für den Schutz der Kinder vor jeder Form von Gewalt wie auch für national vergleichbare Daten, die Aussagen bezüglich der Ursachen der Gewalt und auch bezüglich der Wirkung von Massnahmen der Früherkennung und der Intervention erlauben, einsetzen.

Zurück