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0-6 Jahre: Den Körper entdecken und neugierig sein

Dieser Text zeigt, wie Eltern und Sorgeberechtigte ihr Kind von Geburt bis zum 6. Lebensjahr altersgerecht und wohlwollend in seiner sexuellen Entwicklung unterstützen können.

Kurz und bündig

  • Sexuelle Entwicklung beginnt ab der Geburt und gehört zur Gesamterziehung.
  • Kinder entdecken ihren Körper, Gefühle, Beziehungen und Grenzen durch eigene Erfahrungen.
  • Eine offene, altersgerechte Begleitung stärkt Selbstwert, Selbstbestimmung und Körperwissen.
  • Frühe sexuelle Bildung trägt zur Prävention von (sexualisierter) Gewalt bei.
  • Sie finden hier Informationen für die Altersstufen 1. Lebensjahr, 2. Lebensjahr, 3. Lebensjahr, 4. Lebensjahr, 5. Lebensjahr, 6. Lebensjahr

Eltern begleiten und fördern eine gesunde sexuelle Entwicklung bereits ab der Geburt. Mit einem offenen Umgang zu/mit dem Thema und mit der Unterstützung der kindlichen Neugier bei der Entdeckung ihres Körpers fördern Eltern ein gesundes Verhältnis zum eignen Körper.

Kindliche Sexualität verstehen

Zu Beginn ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass sich die kindliche Sexualität von der Erwachsenensexualität unterscheidet. Dieses Wissen hilft, die richtige «Brille» zu tragen und Sexualität als ganzheitlichen Entwicklungsbereich bei Kindern zu verstehen. Kinder entwickeln von sich aus Neugier in Bezug auf ihren Körper und haben früh Fragen zu Gefühlen, Beziehungen, Körper, Geschlechtsidentität und Sexualität.

Sexuelle Bildung geschieht ab Geburt und ist somit Teil der Gesamterziehung und individuellen Persönlichkeitsentwicklung. Eltern begleiten und fördern auch eine gesunde sexuelle Entwicklung ihrer Kinder. Unbewusst setzen sich Eltern in alltäglichen Situationen mit dem Thema auseinander, lange vor der Pubertät. Bei gemeinsamen Aktivitäten und Spielen merken Kinder beispielsweise, dass sich einige Berührungen am Körper angenehmer anfühlen als andere – diese Erfahrungen hinterlassen wichtige Spuren auf der eigenen «Körperlandkarte».

«Zu früh» gibt es nicht

Für Eltern, die sich sorgen, ihre Kinder könnten zu früh mit Themen in Kontakt kommen, die sie altersbedingt noch nicht betreffen, ist es hilfreich zu verstehen, dass «Sexualität» sich nicht nur auf Genitalien, Verhütung, Krankheiten und Fortpflanzung bezieht, sondern ein weites Entwicklungsfeld ist.

Unter «Bildung» versteht man auch die Förderung von Selbstständigkeit und Selbstbestimmung. Kinder lernen vor allem durch eigene Erfahrungen im Alltag. Kinder wollen sich und ihre Umwelt begreifen – im wörtlichen Sinn. Sie entdecken mit ihrem ganzen Körper, durch Bewegung, Berührung und andere sinnliche Erfahrungen. So entwickeln sie ein Verständnis für ihren Körper, ihre Bedürfnisse und ihre Grenzen.

Wie Eltern und Sorgeberechtigte unterstützen

Bezugspersonen begleiten die Kinder im Erlangen vielfältiger Fähigkeiten: Sie unterstützen sie, den eigenen Körper zu verstehen, Grenzen zu setzen, diese bei anderen zu respektieren, um möglichst sichere und erfüllende Beziehungen einzugehen. Durch das Vermitteln von entwicklungs- und altersgerechten Informationen, durch passende Bilderbücher und Spiele leisten Bezugspersonen einen wichtigen Beitrag zur Prävention von (sexualisierter) Gewalt, stärken das Selbstwertgefühl des Kindes und das Wohlbefinden. Ganz nach dem Motto: «Was ich kenne und schätze, will ich schützen.»

Kinder haben zudem gemäss Kinderrechtskonvention der vereinigten Nationen ein Recht auf Informationen – dazu gehört auch jenes Wissen rund um die Thematik Sexualität.

Dazu gehört das Erleben und Gestalten von unterschiedlichen Beziehungen innerhalb und ausserhalb der Familie. Auch das spielerische Entdecken der eigenen Identität und dem persönlichen (Geschlechts-)Ausdruck ist ein Teil davon. Zudem können Sinneserfahrungen von Anfang an mit lustvollen Gefühlen verbunden sein. Mit dem Mund eine kühle Scheibe berühren beispielsweise oder auf der Schaukel schwingen können sich wohlig anfühlen.

Entwicklungsbereiche der kindlichen Sexualität

  • Die Fähigkeit, den eigenen Körper als Instrument wahrzunehmen.
  • Eigene und fremde Körpergrenzen wahrnehmen.
  • Spiel mit Atem, Stimme, Bewegungsradius im Raum, Spannung und Entspannung
  • Eigene Genitalien korrekt benennen und berühren dürfen
  • Den Körper kennen um wertschätzend damit umzugehen «Ich bin wichtig!»
  • Beobachten und Nachahmen – unabhängig vom Geschlecht fein, laut, zart, wild sein dürfen.
  • Gefühle über den Körper modellieren und regulieren.
  • «Mein Körper gehört mir!»

  • Differenziertes Wissen über die Gefühlspalette erlangen
  • Gefühle wahrnehmen, benennen und respektieren können
  • Vorstellung davon haben, das gleichzeitige Gefühle erlebt werden können
  • Strategien kennenlernen, wie Gefühle reguliert werden können
  • Gefühle körperlich ausdrücken dürfen
  • Es gibt nicht gute oder schlechte Emotionen, alle sind dazu da auf etwas aufmerksam zu machen
  • «Alle Gefühle sind richtig und wichtig»

  • Lernen mit Konflikten umzugehen und diese gewaltfrei zu lösen
  • Regeln des Zusammenlebens kennenlernen und berücksichtigen
  • Wissen, dass es vielfältige Orte gibt für unterschiedliche Verhaltensweisen. (Nacktheit ist bspw. nicht überall ok)
  • Wissen, dass es respektvolle Menschen gibt und solche, die Grenzen missachten und wo Hilfe geholt werden kann – ev. Botschaft «Ich hole mir Hilfe!» integrieren
  • Lernen, jemanden für eine Aktivität zu gewinnen, ohne dass die andere Person sich manipuliert fühlt. (Bspw. Statt: «Wenn du nicht mit mir Lego spielst, bin ich nicht mehr dein:e Freund:in» hin zu: «Spielen wir Lego? Hilfst du einen hohen Turm zu bauen?»

  • Vorstellung über körperliche Funktionen und Zusammenhänge
  • Basis-Wissen rund um Namen von Körperteilen, Befruchtung, Schwangerschaft, Geburtsvorgang, sexuelle Orientierung (alle Menschen können sich gern haben, nicht nur Mann und Frau), Selbstbefriedigung etc.
  • Wissen über die Funktion von Organen
  • Wissen über körperliche Veränderungen (bspw. Manche Körperhaare wachsen erst, wenn man langsam erwachsen wird)
  • Unabhängigkeit und Autonomie fördern durch Wissenszugang (Bspw. beim Duschen/Baden muss ich meine Vulva/Penis mit Wasser reinigen – ich kann das mit einem Lappen alleine machen)
  • «Ich darf Nein sagen.»

Erfahren Sie mehr für unser Präventionsprogramm «Mein Körper gehört mir!»

Körperliche Entwicklung des Kindes

Bereits vor der Geburt kann man via Ultraschall erkennen, dass sich ein Penis aufrichten kann (Erektion). Auch die Klitoris kann sich mit Blut füllen und anschwellen (Lubrikation). Durch spontane Bewegungen löst bereits das ungeborene Kind unwillentlich einen Reflex aus, der für die Erektion bei Jungen und Lubrikation bei Mädchen zuständig ist (Erregungsreflex). Ausgehend von diesem Reflex findet ab Geburt bis zum Tod sexuelles Lernen statt.

Durch spontanes, spielerisches Bewegen und Entdecken ab Säuglingsalter wird der Grundstein für die spätere sexuelle Erregung und Lustfähigkeit gelegt. Je älter das Kind wird und je differenzierter die motorischen Fähigkeiten, um so gezielter und bewusster kann es die eigene Erregungsfähigkeit entdecken und steigern.

Kinder entdecken meist zufällig z.B. auf dem Wickeltisch oder wenn sie sonst im Spiel ihre Genitalien berühren, dass sich der Zustand ihrer Genitalien verändern kann. Manche Kinder berühren und stimulieren Vulva oder Penis dann so lange, bis sie ein entspannendes Gefühl wahrnehmen. Bereits kleine Kinder schaukeln beispielsweise vor dem Einschlafen das Becken hin und her, klemmen sich Kissen oder Plüschtiere zwischen die Beine oder legen sich auf ihre Hände um sich zu stimulieren und oftmals auch regulieren.

«Über Sexualität zu sprechen ist wichtig.»

Rolle der Eltern und Sorgeberechtigten

Die eigenen Prägungen und Erfahrungen zum Aufklärung haben einen Einfluss auf das eigene «Aufklärungsverhalten». Da es ungewohnt sein kein, über die Sexualität des eigenen Kindes zu sprechen, ist es ok, sich bei Fragen Unterstützung zu holen.

Wenn Eltern und Sorgeberechtigte offen über Körperfunktionen, Gefühle, Beziehungen und Sexualität sprechen, vermitteln sie eine klare und unterstützende Haltung. Diese Themen dürfen benannt, erforscht und verstanden werden. Kinder spüren diese Offenheit und erleben, dass ihre Neugier willkommen ist. So erhalten sie verlässliche, altersgerechte Informationen aus ihrem vertrauten Umfeld und müssen nicht auf unsichere oder ungeeignete Quellen im Internet oder anderswo zurückgreifen.

Quellen:

Was kribbelt da so schön? Von Beginn am Aufklären für einen selbstbewussten Zugang zu Sexualität, Körper und Gefühlen. Magdalena Heinzl, 2023, Belz Verlag

Aufklärung von Anfang an. Mit Kindern über Körper, Gefühle und Sexualität sprechen. Christiane Kolb, 2022, Kösel-Verlag

Sexualpädagogik in der Kita, Jörg Maywald, 2022, Herder-Verlag

Standards für Sexualaufklärung in Europa, WHO und BZgA, 2011

Engagement Kinderschutz Schweiz

Kinderschutz Schweiz benennt die Missachtung der Rechte der Kinder und fordert die konsequente Umsetzung der UNO-KRK in der Schweiz. Die Stiftung bringt sich in Debatten ein, wird zum Schutz der Kinder aktiv und fordert von den politisch Verantwortlichen kinder- und familienfreundliche Strukturen.