Erziehung ohne Bestrafung

Das Modell der anleitenden Erziehung

Die anleitende Erziehung meint einen Erziehungsstil, der sich dadurch auszeichnet, dass die Eltern ihre Rolle als Erwachsene und ihre Verantwortung als Erziehende eindeutig wahrnehmen und ihre Kinder – unter Achtung ihrer Rechte, ihrer Bedürfnisse und ihrer Persönlichkeit – mit Respekt leiten und begleiten.

Beim anleitenden Erziehungsstil steht neben einer liebevollen, warmherzigen und aufmerksamen Haltung gegenüber den Kindern auch die Vermittlung von klaren Regeln, Werten und Normen im Vordergrund. Anleitung und Führung durch Eltern ist für Kinder und auch für Jugendliche (obschon es in dieser Altersphase nicht immer so aussieht) von grosser, haltgebender Bedeutung. Die klaren Strukturen und Werte, die Eltern vorgeben und vorleben, in Verbindung mit ihrer liebevollen, annehmenden Haltung dem Kind gegenüber geben diesem eine sichere Basis, von der aus es seine Neugier der Umwelt gegenüber befriedigen und die Welt entdecken kann. Der anleitende Erziehungsstil begrenzt Kinder weder zu stark noch gewährt er ihnen grenzenlose Freiheit. Er ist gut geeignet, um sie auf ihrem Weg hin zu selbstständigen und gefestigten Persönlichkeiten zu begleiten.

Das Modell der anleitenden Erziehung wird im von Kinderschutz Schweiz angebotenen Elternkurs «Starke Eltern – Starke Kinder®» in fünf aufeinander aufbauenden Stufen erklärt, erprobt und geübt:

Klärung der Wert- und Erziehungsvorstellungen in der Familie
Was ist mir wichtig in meiner Familie? Welche Werte habe ich? Welche Ziele verfolge ich mit meiner Erziehung? Die Antworten auf diese Fragen helfen, eigene Vorstellungen bewusst zu machen. Mit diesem Bewusstsein ist es einfacher, nach den eigenen Werten und Zielen zu handeln (und sie nicht nur zu predigen). Ganz nach dem Motto: Vorbild dringt tiefer als viele Worte.
Dabei gilt: Unterschiedliche Werte und Erziehungsvorstellungen werden akzeptiert und respektiert– bis auf einen zentralen Punkt: Gewalt in jeder Form zerstört das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern und auch das Selbstvertrauen des Kindes.
Festigung der Identität als Erziehende
Kenne ich mich selbst? Diese Frage können wir wahrscheinlich nie abschliessend beantworten. Trotzdem hilft es, sie sich zu stellen. Um zum Beispiel genauer herauszufinden, wie ich mich mitteile. Wie ich meinen Kindern und anderen Menschen Rückmeldungen gebe. Und wie ich mit Rückmeldungen an mich umgehe. Denn: Durch Rückmeldungen von anderen lerne ich mich selber besser kennen. Frei nach den Mottos: Verstecke dich nicht zu gut – irgendwann musst du dich ja selbst wiederfinden. Und: Sprache schafft Wirklichkeit.
Stärkung des Selbstvertrauens zur Unterstützung kindlicher Entwicklung
Wie kann ich mein Kind unterstützen? Die Antwort auf diese Frage ist vielfältig. Unter anderem kann das heissen: Ich ermutige und anerkenne mein Kind so, wie es ist. (Zum Wachsen brauchen wir Anerkennung, Liebe und Vertrauen!). Ich weiss, an welcher Entwicklungsaufgabe mein Kind gerade dran ist. (Emotionale Probleme kannst du für andere nicht lösen – nur dabei helfen!). Ich höre meinem Kind mehr zu, dann verstehe ich es besser. Und ich suche mit ihm gemeinsam nach Lösungen.
Bestimmung von klaren Kommunikationsregeln in der Familie
Wie setze ich Grenzen? Wie treffen wir Vereinbarungen? Grosse Fragen. Sie werden überall dort wichtig, wo Menschen zusammentreffen. Und besonders in Familien. Vor allem Klarheit ist hier wichtig: Je aufrichtiger ich sagen kann, wie es mir geht, desto eher werde ich verstanden und wahrgenommen. Je klarer ich sagen kann, was ich möchte und was nicht, desto eher werde ich gehört und ernst genommen. Es gilt: Alle Gefühle sind erlaubt und werden akzeptiert – aber nicht alle Handlungen!
Befähigung zur Problemerkennung und -lösung
Wie lösen wir Probleme in der Familie? Im besten Fall finde ich bereits einen Teil der Antwort, wenn ich mich mit den ersten 4 Stufen oberhalb von dieser Stufe beschäftige. Frei nach dem Motto: Verändere zuerst dein Verhalten – erwarte nicht, dass der andere den ersten Schritt macht.
Und es gibt einige Grundsätze, die ich beachten kann: Respekt ist nicht blinder Gehorsam. Konflikte und Streitgespräche gehören zum Leben dazu. Ich nehme mir Zeit für mein Kind. Ich kann – wenn nötig – sehr bestimmt sein. Konsequenzen sind sinnvoller als Strafen. Statt Vorwurf lieber Wunsch (lieber ICH- als DU-Botschaft). Und aus Sicht der Kinder: Wenn ich Beschlüsse, die mich betreffen, mitentschieden kann, bin ich auch eher bereit, sie einzuhalten.

Der Kurs wendet sich an alle Eltern. Ziel ist, ihre Erziehungsfähigkeit zu stärken und den Kinderrechten in der Familie Geltung zu verschaffen.