Formen der Gewalt in der Erziehung

Psychische Gewalt ist die häufigste Form von Gewalt. Viele Kinder erleben sie täglich. Sie wird ihnen oft bewusst und ebenso oft ungewollt zugefügt. Psychische Gewalt ist immer auch Teil von jeder anderen Form von Gewalt wie Vernachlässigung, Misshandlung, sexuellem Missbrauch und sexueller Ausbeutung. Psychische Gewalt erleben Kinder auch dann, wenn sie nicht selbst das unmittelbare Ziel von Gewalt in der Familie sind.

Ergebnisse zweier Studien zu psychischer Gewalt am Kind, BMSG (Hg.), Wien 2000

Psychische Gewalt ist,

  • wenn Kindern mutwillig Angst gemacht wird.
  • wenn Kinder eingeschüchtert, ausgegrenzt oder isoliert werden.
  • wenn Kinder verspottet oder der Verspottung preisgegeben werden.
  • wenn Kinder missachtet und entwertet werden.
  • wenn Kinder kleingemacht, kleingehalten und abgewertet werden.
  • wenn Kinder gezielt entmutigt werden.
  • wenn Kinder mit Druck und Unterdrückung erzogen werden.
  • wenn Kindern keine Grenzen gesetzt werden.
  • wenn Eltern ihren Kindern Orientierung verweigern und sich ihrer Verantwortung ihnen gegenüber entziehen.
  • wenn Strafe zu einem Zeitpunkt vollzogen wird, wo das Kind gar nicht mehr weiss, was es getan hat, und die Strafe nicht als Konsequenz seiner Handlungen erkennen kann.
  • wenn Kinder das tun müssen, was ihre Eltern immer gerne getan hätten, und ihnen sozusagen das Leben der Eltern auferlegt wird.
  • wenn Gefühle der Hilflosigkeit und der schutzlosen Preisgabe ausgelöst werden und es zu einer Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses des Kindes kommt.
  • wenn Kinder als Spielball der Interessen des jeweiligen Elternteils, zum Beispiel im Zuge einer Scheidung, missbraucht werden und das Kindeswohl vorsätzlich und bewusst vorgeschoben wird, um eigene Interessen durchzusetzen oder zu fördern.
  • wenn die Grenzen der Kinder nicht respektiert werden, insbesondere um eigene Interessen durchzusetzen oder zu fördern.
  • wenn Kinder Loyalitätskonflikten zwischen den Eltern ausgesetzt werden.
  • wenn Kinder häusliche Gewalt wie elterliche Paargewalt miterleben müssen.
  • wenn Sachen oder (Haus-)Tiere, die für das Kind einen besonderen Wert haben, zerstört oder weggenommen werden.
  • wenn Eltern das Verhalten des Kindes wichtiger als das Kind selbst ist.

Psychische Gewalt ist zudem

  • immer dort, wo Angst als Erziehungsmittel eingesetzt wird.
  • viel schwieriger zu erkennen als körperliche Gewalt, da sie am Körper keine sichtbaren Narben hinterlässt.
  • so schwer fassbar, weil sie individuell erlebt wird und ihre Wirkung von aussen oft nicht erkennbar und einschätzbar ist.
  • subjektiv zu verstehen und zu betrachten; das subjektive Erleben des Kindes, sein emotionales, existenzielles Empfinden, steht im Vordergrund. Was dem einen noch Spass macht, kann für andere schon Verletzung, Abwertung oder Verwundung bedeuten.
  • ein unangenehmes Thema, da sie schwer fassbar ist, sich nicht genau definieren lassen will, sich wissenschaftlicher Analyse entzieht und uns zur Auseinandersetzung mit vielen Themen und vor allem mit uns selbst zwingt.
  • leise. Sie ist nicht laut. Sie ist nicht spektakulär, aber sie ist langhaltig, sie ist ausdauernd, und sie ist nachwirkend.

Psychische Gewalt

  • «passiert» oft ohne böse Absicht.
  • kann dadurch entstehen, dass die Eltern den Druck, dem sie in der Gesellschaft, Arbeit etc. ausgesetzt sind, an ihre Kinder weitergeben.
  • entsteht und besteht dort, wo Kinder und Jugendliche der Dynamik von «zu viel» oder «zu wenig» ausgesetzt sind und ihre existenziellen Bedürfnisse keinen Platz haben.
  • manifestiert sich dort, wo Kinder bei für sie schwierigen Erfahrungen/Erlebnissen keine Sprache bzw. keine Ausdrucksform finden können oder dürfen.
  • tritt meist nicht alleine auf, sondern als «stille Schwester» aller anderen Gewaltformen.

Physische Gewalt

Physische Gewalt umfasst alle Handlungen, die bezwecken, dem Kind Schmerzen zuzufügen (vgl. General Comment Nr. 8 des UN-Kinderrechtsausschusses), zum Beispiel Schlagen, Schütteln (von Babys und kleinen Kindern), Stossen, Treten, Boxen, Werfen von Gegenständen, An-den-Haaren-Ziehen, Prügeln mit den Fäusten oder mit Gegenständen, Mit-dem-Kopf-gegen-die-Wand-Schlagen, Verbrennen (mit Zigaretten), Attacken mit Waffen usw. bis hin zum Mordversuch oder Mord.

Leider werden in der Schweiz einige Formen physischer Gewalt gesellschaftlich toleriert und als «normale Erziehungsmittel» akzeptiert. Dazu zählen Ohrfeigen, Klapse auf den Po, aber auch Schütteln, Stossen, Festhalten, An-den-Ohren/Haaren-Ziehen, kaltes Abduschen und Zwicken.

Schwere körperliche Misshandlungen zeigen oft sichtbare Zeichen wie Brüche, Verbrennungen, Schnitte, Stiche, Quetschungen, innere Blutungen. Sie bedürfen meist einer medizinischen Behandlung und werden von der Gesellschaft in der Regel nicht toleriert.

Sexualisierte Gewalt umfasst alle sexuellen Handlungen, die einem Kind aufgedrängt oder aufgezwungen werden. Sie ist ein Akt der Aggression und des Machtmissbrauchs, nicht das Resultat unkontrollierter sexueller Triebe.

Sexueller Missbrauch von Kindern

  • ist, wenn Erwachsene sich bewusst und absichtlich am Körper eines Kindes befriedigen oder sich von einem Kind befriedigen lassen.
  • ist immer gewaltsames Eindringen in die Psyche und/oder den Körper eines Kindes, durch Blicke, Bemerkungen, Gegenstände oder Körperteile.
  • ist in erster Linie körperliche und psychische Gewalt und dient als Mittel, um Macht und Überlegenheit zu gewinnen.
  • ist die Befriedigung der Bedürfnisse nach Macht, Anerkennung, Körperkontakt und Sexualität auf Kosten eines oder einer Schwächeren.
  • ist ein Missbrauch des Vertrauens der Kinder: Nur wenn sie vertrauen können und Schutz geniessen, können sich Kinder entfalten. So wird sexueller Missbrauch auch zu einer schweren Gefährdung für die Entwicklung des Kindes.

Sexueller Missbrauch beginnt

  • an dem Punkt, wenn Erwachsene absichtlich Situationen planen und herbeiführen oder ihre Machtposition missbrauchen, um sich sexuell zu erregen.
  • mit einer nicht altersgemässen Aufklärung über Sexualität.
  • bei der «fachmännischen Beurteilung» der körperlichen Entwicklung eines Kindes.
  • mit der voyeuristischen Beobachtung eines Kindes beim Ausziehen, Baden oder Waschen.
  • mit dem Zeigen der eigenen Genitalien (Exhibitionismus).

Sexueller Missbrauch geht bis

  • zum Zeigen pornografischer Abbildungen oder Videos.
  • zu sexualisierten Küssen.
  • zum Masturbieren in Anwesenheit eines Kindes.
  • zum Berühren oder Manipulieren der Genitalien des Kindes.
  • zum Zwingen eines Kindes, die Genitalien des Erwachsenen zu berühren.
  • zum Reiben des Penis am Körper eines Kindes.
  • zum Eindringen in Scheide/After des Kindes mit Finger(n), Penis oder Fremdkörpern.
  • zur Pornografie mit Kindern sowie zur Kinderprostitution.

Sexueller Missbrauch beginnt oft mit sexualisierten Gesten, die sich zu sexuellen Handlungen steigern. Sexueller Missbrauch kann sich über Jahre erstrecken und bis ins Erwachsenenalter andauern.

Sexueller Missbrauch ist strafbar!

Vernachlässigung findet statt, wenn die grundlegenden Bedürfnisse eines Kindes wie Fürsorge, Nahrung oder Zuwendung bewusst oder unbewusst vernachlässigt werden. Die Folgen einer Vernachlässigung reichen von Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen bis hin zu körperlichen Schäden.

Unter Vernachlässigung versteht man grundsätzlich die andauernde oder wiederholte Unterlassung von Fürsorge durch sorgeverantwortliche Personen (z.B. Eltern), die zur Sicherstellung der seelischen und körperlichen Versorgung eines Kindes notwendig wäre. Es handelt sich dabei um eine Form des Missbrauchs. Werden die grundlegenden Bedürfnisse eines Kindes über einen längeren Zeitraum nicht befriedigt, kann das schwerwiegende Folgen für seine seelische, geistige und körperliche Entwicklung haben. Eine Vernachlässigung liegt zum Beispiel dann vor, wenn Kinder unzureichend ernährt, gepflegt, gefördert, gesundheitlich versorgt, beaufsichtigt oder vor Gefahren geschützt werden. Dabei gilt: Je jünger die Kinder sind, desto grösser ist das Risiko für bleibende körperliche und seelische Schäden. Auch die Gefahr lebensbedrohlicher oder tödlicher Folgen einer Vernachlässigung ist für junge Kinder grösser als für ältere.

Vernachlässigung kommt in allen gesellschaftlichen Schichten vor. Häufig sind finanzielle Sorgen, Beziehungsprobleme oder Misshandlungen in der eigenen Kindheit Risikofaktoren dafür, dass Eltern oder Bezugspersonen das Kind vernachlässigen. Durch Überforderung und Erschöpfung entsteht dann oft Teilnahmslosigkeit gegenüber dem Kind. In der Regel gibt es zwei Formen der Vernachlässigung – die körperliche und die emotionale/psychische Vernachlässigung. Da sich die beiden Formen häufig nicht klar voneinander trennen lassen, können auch Mischformen auftreten.

Starke Eltern holen Hilfe

Alle Formen oder Mischformen von Gewalt in der Erziehung haben verheerende Auswirkungen auf die betroffenen Kinder und bringen sie in extreme Notsituationen, weil sie meist nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Oft fürchten sie, dass ihnen nicht geglaubt wird, oder zweifeln an der Verschwiegenheit der Drittpersonen. Oder aber sie haben Angst, dass ein Elternteil ins Gefängnis muss oder sie selbst in ein Heim gesteckt werden.

Manche Eltern sind in der Kindererziehung aus unterschiedlichsten Gründen überfordert. Ist dies der Fall, gibt es zahlreiche Stellen, die kostenlos helfend zur Seite stehen. Sich Unterstützung zu holen, ist keine Bankrotterklärung, als Mami oder Papi versagt zu haben, sondern ein positives Eingeständnis: Ich habe momentan Schwierigkeiten. Dies möchte ich ändern und suche meiner Familie und mir zuliebe Hilfe. Erste Ansprechpartner sind Erziehungsberatungsstellen vor Ort oder auch die Kinderärztin bzw. der Kinderarzt.