Fragen und Antworten zur gewaltfreien Erziehung
Orientierung und Schutz für Kinder
Am 1. Juli 2026 wird die gewaltfreie Erziehung im Schweizer Zivilgesetzbuch (ZGB) verankert. Neu hält das Gesetz fest, dass Kinder ohne körperliche Bestrafung und andere Formen entwürdigender Gewalt erzogen werden sollen. Gleichzeitig stärkt es den Zugang zu Beratung und Unterstützung für Eltern und andere Sorgeberechtigte.
Viele Eltern, Sorgeberechtigte und Fachpersonen fragen sich, was die gesetzliche Verankerung der gewaltfreien Erziehung im Alltag bedeutet: Was ist erlaubt? Was gilt als Gewalt in der Erziehung? Und wie können Kinder liebevoll, respektvoll und klar begleitet werden?
Diese FAQ beantwortet die häufigsten Fragen zur gewaltfreien Erziehung. Sie erklärt, was unter körperlicher und psychischer Gewalt verstanden wird, welche Auswirkungen Gewalt auf Kinder haben kann und wie Eltern und Fachpersonen Kinder ohne Gewalt erziehen und gleichzeitig Grenzen setzen können.
Gewaltfreie Erziehung bedeutet nicht, alles zu erlauben. Kinder brauchen Schutz, Orientierung, klare Regeln und verlässliche Erwachsene, die Verantwortung übernehmen. Eine liebevolle und konsequente Begleitung stärkt ihre Entwicklung und fördert eine sichere Beziehung.
Alles rund um die gewaltfreie Erziehung
Was bedeutet die neue Regelung im Alltag?
Die gesetzliche Verankerung hält einen klaren Grundsatz fest: Gewalt ist keine geeignete Erziehungsmethode. Sie kann die Entwicklung von Kindern belasten und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern beeinträchtigen.
Für den Alltag bedeutet das: Kinder sollen ohne körperliche und psychische Gewalt begleitet werden. Erwachsene dürfen weiterhin erziehen, Regeln aufstellen, Grenzen setzen und in gefährlichen Situationen eingreifen.
Die neue Regelung bedeutet nicht, dass Eltern vorgeschrieben wird, wie sie ihre Kinder im Alltag erziehen sollen. Familien bleiben unterschiedlich, und Erziehung bleibt Privatsache. Gewalt an Kindern ist es nicht.
Die Verankerung im Zivilgesetzbuch hat vor allem eine orientierende und präventive Bedeutung. Sie unterstützt einen Kulturwandel: Gewalt soll nicht als normaler Teil von Erziehung verstanden werden. Im Zentrum stehen Unterstützung für Familien und der Schutz von Kindern.
Hat Gewalt in der Erziehung rechtliche Folgen?
Gewalt gegen Kinder konnte schon vor der gesetzlichen Verankerung der gewaltfreien Erziehung rechtliche Folgen haben.
Das Strafrecht bestraft Gewalt gegen Kinder – zum Beispiel körperliche Gewalt, Drohungen, Nötigung oder andere strafbare Handlungen.
Welche Folgen möglich sind, hängt von der konkreten Situation ab: von der Art der Handlung, ihrer Schwere, ihrer Wiederholung und davon, ob das Wohl des Kindes gefährdet ist.
Die gesetzliche Verankerung der gewaltfreien Erziehung im Zivilgesetzbuch bedeutet jedoch nicht, dass Eltern wegen jeder schwierigen Alltagssituation bestraft werden. Im Zentrum stehen Orientierung, Prävention, die Unterstützung der Eltern und der Schutz von Kindern.
Was bedeutet gewaltfreie Erziehung?
Gewaltfreie Erziehung bedeutet, Kinder ohne körperliche und psychische Gewalt zu begleiten. Kinder sollen nicht geschlagen, gedemütigt, eingeschüchtert, beschämt oder durch Angst, Drohungen oder Liebesentzug erzogen werden.
Gewaltfreie Erziehung bedeutet nicht, Eltern vorzuschreiben, wie sie ihre Kinder erziehen sollen. Familien sind unterschiedlich, und Eltern gestalten Erziehung auf verschiedene Weise.
Klar ist aber: Erziehung ist Privatsache – Gewalt an Kindern nicht.
Kinder brauchen Erwachsene, die sie schützen, ernst nehmen und ihnen Orientierung geben. Dazu gehören auch klare Regeln, verlässliche Beziehungen und Erwachsene, die Verantwortung übernehmen.
Was bedeutet gewaltfreie Erziehung nicht?
Gewaltfreie Erziehung bedeutet nicht, dass Kinder alles dürfen. Sie bedeutet auch nicht, dass Eltern immer ruhig, immer geduldig oder perfekt sein müssen.
Erwachsene dürfen Regeln aufstellen, Grenzen setzen, Anweisungen geben und eingreifen, wenn ein Kind sich selbst oder andere gefährdet oder wenn Schutz notwendig ist.
Nicht jede Intervention von Eltern oder Sorgeberechtigten ist Gewalt. Erwachsene sollen Kinder schützen, begleiten, anleiten und eingreifen, wenn es notwendig ist. Dazu kann auch gehören, ein Kind körperlich zu stoppen – zum Beispiel, wenn es auf die Strasse läuft, auf eine heisse Herdplatte fassen will oder sich selbst oder andere gefährdet.
Auch Pflege und Gesundheit gehören zur Verantwortung der Erwachsenen. Eltern dürfen dafür sorgen, dass ein Kind Zähne putzt, notwendige Medikamente einnimmt oder medizinisch versorgt wird.
Ebenso dürfen Eltern Regeln für den Alltag festlegen – zum Beispiel zu Schlafenszeiten, Mediennutzung oder dem Zusammenleben in der Familie.
Wichtig ist, dass Erwachsene verhältnismässig handeln. Die Intervention soll dem Schutz, der Pflege, der Gesundheit oder der Orientierung des Kindes dienen, möglichst schonend erfolgen und dem Alter sowie der Situation des Kindes angemessen sein.
Ziel ist nicht, ein Kind zu bestrafen, zu demütigen oder seinen Willen zu brechen, sondern sein Wohl zu schützen und es im Alltag zu begleiten. Hilfreich sind dabei Ruhe, Erklärung, Wiederholung und klare Orientierung.
Gewalt in der Erziehung bezeichnet Verhaltensweisen von Eltern oder anderen Bezugspersonen, bei denen Macht, Druck, Angst, Demütigung oder körperliche Übergriffe eingesetzt werden, um das Verhalten eines Kindes zu kontrollieren, zu disziplinieren oder zu verändern.
Gewalt kann verschiedene Formen annehmen. Nicht immer ist sie auf den ersten Blick sichtbar.
Welche Formen von Gewalt gibt es?
- Physische Gewalt
Dazu gehören beispielsweise Schläge, Ohrfeigen, Klapse auf den Po, Stossen, Schütteln, das Ziehen an den Haaren oder Ohren, Würgen oder andere körperliche Übergriffe. Diese Form von Gewalt ist für viele Menschen vergleichsweise leicht zu erkennen.
- Psychische Gewalt
Dazu gehören zum Beispiel Drohen, massive Beschimpfungen, Blossstellen, Demütigen, Abwerten, Einschüchtern, gezieltes Beschämen oder Liebesentzug. Psychische Gewalt ist oft schwieriger zu erkennen, weil sie keine sichtbaren Spuren hinterlässt.
- Vernachlässigung
Dabei geht es um das Nicht-Erfüllen grundlegender Bedürfnisse eines Kindes. Dazu gehören zum Beispiel fehlende oder ungenügende Pflege, Ernährung, Körperhygiene, medizinische Versorgung, mangelnde Aufsicht oder fehlende emotionale Zuwendung und Anregung.
Gewaltfreie Erziehung zeigt sich besonders im Alltag: wenn Kinder Regeln nicht einhalten, wenn Konflikte eskalieren, wenn Eltern überfordert sind oder wenn Grenzen gesetzt werden müssen.
Die folgenden Fragen geben Orientierung, wie Kinder klar, respektvoll und ohne Gewalt begleitet werden können.
Darf ich meinem Kind noch Regeln und Grenzen setzen?
Ja. Gewaltfreie Erziehung bedeutet nicht, alles zu erlauben oder auf Orientierung zu verzichten.
Kinder brauchen klare Regeln und konsequente Grenzen. Regeln geben Orientierung im Alltag. Grenzen schützen, wenn die Sicherheit, der Respekt oder das Wohl des Kindes oder anderer Personen gefährdet sind.
Wichtig ist, dass Erwachsene klar und respektvoll handeln – ohne körperliche oder psychische Gewalt.
Darf ich meinem Kind etwas wegnehmen oder verbieten?
Ja, wenn es verhältnismässig ist und einen nachvollziehbaren Zusammenhang mit der Situation hat. Wird ein Gegenstand oder eine Aktivität vorübergehend eingeschränkt, sollte das für das Kind verständlich sein.
Hilfreich ist, wenn Kinder möglichst im Voraus wissen, welche Regeln gelten und welche Konsequenzen folgen können. Wird einem Kind etwas entzogen, das nichts mit der Situation zu tun hat, erlebt es dies eher als Strafe. Das hilft meist wenig, Verantwortung zu lernen.
Bedeutet gewaltfreie Erziehung, dass Eltern immer ruhig bleiben müssen?
Nein. Eltern und Sorgeberechtigte müssen nicht perfekt sein. Sie dürfen Gefühle haben, genervt sein oder Fehler machen.
Wird einem Kind etwas entzogen, das keinen Zusammenhang mit der Situation hat, handelt es sich eher um eine Strafe. In den meisten Fällen hilft dies dem Kind kaum, zu verstehen, was passiert ist, oder Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen.
Kinder lernen auch daran, wie Erwachsene mit Fehlern und Konflikten umgehen.
Ist Schreien Gewalt?
Nicht jedes laute Wort ist psychische Gewalt. Im Familienalltag kann es passieren, dass Eltern laut werden. Es ist normal.
Problematisch wird es, wenn Kinder wiederholt angeschrien, massiv beschimpft, eingeschüchtert, gedemütigt oder beschämt werden. Dies kann bei Kindern psychischen Stress auslösen und sie belasten – insbesondere, wenn sie sich bedroht, gedemütigt oder herabgesetzt fühlen, ohne zu verstehen, was gerade geschieht.
Wenn Eltern merken, dass sie häufig schreien oder die Kontrolle verlieren, ist es wichtig, Unterstützung zu holen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung.
Was können Eltern tun, wenn Konflikte eskalieren?
Wenn eine Situation zu eskalieren droht, hilft es oft, zunächst kurz innezuhalten. Erwachsene können sich einen Moment zurückziehen, tief durchatmen, das Kind in Sicherheit bringen, um es nicht durch Worte oder Handlungen zu verletzen, oder eine andere erwachsene Person um Unterstützung bitten.
In akuten Momenten geht es zuerst darum, Sicherheit herzustellen und die Situation zu beruhigen. Gespräche, Erklärungen oder Konsequenzen sind meist erst später sinnvoll, wenn alle wieder ruhiger sind.
Was ist der Unterschied zwischen Konsequenzen und Strafen?
Strafen sollen oft Gehorsam durchsetzen. Sie beruhen häufig auf der Vorstellung, dass Kinder etwas Unangenehmes erleben müssen, um zu lernen. Angst, Scham oder Schmerz helfen jedoch selten, das eigene Verhalten zu verstehen oder Verantwortung zu übernehmen.
Konsequenzen unterstützen Kinder dabei, die Folgen ihres Handelns zu verstehen. Sie stehen in direktem Zusammenhang mit der Situation und zeigen auf, wie ein Fehler wiedergutgemacht oder eine Situation wieder in Ordnung gebracht werden kann.
Hilfreiche Konsequenzen sind verständlich, verhältnismässig, altersgerecht und möglichst mit der Situation verbunden. Wenn möglich, sind sie vorher bekannt oder werden gemeinsam besprochen.
Was hilft im Familienalltag bei Stress und Konflikten?
Hilfreich können sein: klare Routinen, realistische Erwartungen, kurze Pausen, Unterstützung durch andere Erwachsene und ein Blick auf die Bedürfnisse aller Beteiligten.
Kinder brauchen Orientierung. Erwachsene brauchen Entlastung. Beides gehört zusammen, wenn Konflikte ohne Gewalt gelöst werden sollen.
Warum ist Unterstützung für Eltern wichtig?
Erziehung ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Eltern werden nicht als Eltern geboren. Sie wachsen in diese Rolle hinein – oft ohne darauf wirklich vorbereitet zu sein.
Jede Familie erlebt schwierige Phasen. Stress, Überforderung, Müdigkeit, Sorgen oder fehlende Entlastung können dazu beitragen, dass Konflikte eskalieren. Das bedeutet nicht, dass Eltern versagen. Es zeigt, dass Familien Unterstützung brauchen können.
Unterstützung zu holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein verantwortungsvoller Schritt. Beratungsstellen, Elternbildung und Fachpersonen können helfen, Belastungen zu reduzieren und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Das können Sie tun bei Stress und Konflikten
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Niemand bleibt immer ruhig. Familienalltag kann anstrengend sein, besonders wenn Stress, Müdigkeit, Sorgen oder Überforderung dazukommen.
Hilfreich ist, nicht erst im Moment der Eskalation zu überlegen, was zu tun ist. In Stresssituationen greifen Menschen oft auf Gewohnheiten zurück – nicht auf gute Vorsätze. Deshalb kann es helfen, sich vorher eine Strategie zurechtzulegen: Was mache ich, wenn ich merke, dass ich laut werde? Wen kann ich um Unterstützung bitten? Wie kann ich kurz Abstand schaffen?
Wichtig ist auch, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen. Wer merkt, dass die eigenen Batterien leer sind, braucht Entlastung, Pausen oder Unterstützung.
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Im Alltag kann Ihnen folgendes helfen:
- kurze Pausen,
- Unterstützung durch andere Erwachsene,
- klare Routinen,
- realistische Erwartungen,
- und Verständnis für die Gefühle aller Beteiligten, auch für die eigenen.
Wenn Sie merken, dass Sie im Familienalltag immer wieder an Ihre Grenzen kommen, häufig laut werden oder Situationen eskalieren, holen Sie sich frühzeitig Unterstützung. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Verantwortung.
Es gibt immer Alternativen zur Gewalt. Hier finden Sie mehr Handlungsalternativen.
Hier finden Sie Unterstützungsangebote
Niemand muss schwierige Situationen allein bewältigen. Kinderschutz Schweiz unterstützt Eltern, Sorgeberechtigte und Fachpersonen mit Kursen, Weiterbildungen, Materialien und praxisnahen Angeboten rund um gewaltfreie Erziehung.
Für Eltern
- Elternkurse Starke Eltern – Starke Kinder
- Elternveranstaltung – Gemeinsam für eine gewaltfreie Kindheit
Für Fachpersonen
- Gewaltfreie Erziehung kompakt – gemeinsam wachsen
- Psychische Gewalt in der Erziehung – Faktenblatt für Fachpersonen (PDF zum Bestellen)
Helpline Kinderschutz Schweiz
phone 058 433 33 99 – Montag bis Donnerstag, 08:30 – 12:00 Uhr / 13:30 – 17:00 Uhr
Unterthemen
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Melde- und Beratungsstellen
Benötigen Sie Hilfe oder Beratung? Hier finden Sie für Ihr Anliegen eine Stelle in Ihrer Nähe. -
Gewaltfreie Erziehung
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Handlungsalternativen zur Gewalt
Aus Überforderung wird schnell Verunsicherung und Frust. Damit es einem in diesen Momenten nicht «den Deckel lupft», hilft es, alternative Handlungen zu verinnerlichen.
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Es gibt körperliche Gewalt, psychische Gewalt, sexualisierte Gewalt und Vernachlässigung. -
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Gelassenheit steckt an: entspannt durch den Familienalltag.