keyboard_arrow_left Zurück

Starke Worte von starken Persönlichkeiten

Durch Sanftmut triumphiert man. Ein gewalttätiger Mensch erntet nur Bitterkeit.» (Persisches Sprichwort) Dieses Sprichwort hat noch heute Bestand, denn jeder Erwachsene ist für die harmonische Entwicklung seines Kindes verantwortlich. Es zu begleiten, wenn es die Welt entdeckt, ihm Schritt für Schritt in einem unterstützenden und sicheren Rahmen die Selbstständigkeit zu ermöglichen: Diese Aufgabe mag schwierig und beschwerlich erscheinen, doch dankt sie es mit Freude und Befriedigung. Reden und diskutieren, Nachsicht zeigen und doch die nötigen Grenzen setzen. Eltern bzw. Erwachsene haben eine klare Aufgabe. Kraft und Autorität ruhen in einer «Waffe», die sich Sanftmut nennt. Diese Charaktereigenschaft ist keine Schwäche, sondern im Gegenteil ein wichtiger Trumpf im Prozess der Begleitung. Die Dinge beim Namen nennen, seine Entscheidungen begründen, das Gespräch fördern. Es geht nicht darum, alles zu akzeptieren, sondern seinem Kind eine transparente Umgebung und einen respektvollen Umgang mit ihm zu bieten. Gewalt, ob physische oder psychische, ist letztendlich nichts anderes als ein Eingeständnis des Scheiterns in Bezug auf diese Verantwortung. Mehr noch, des eigenen Scheiterns. Nicht das Kind oder der Jugendliche ist für die Situation verantwortlich, sondern die erwachsene Person, die sich nicht als solche verhält und in der Gewalt die Lösung für die eigenen Probleme sieht. Angesichts der herrschenden Pandemie, die von Zweifel und Unsicherheit geprägt ist, scheint es umso wichtiger, Liebe und Aufmerksamkeit zu pflegen, um dem Kind eine Perspektive für eine reale Zukunft zu bieten. Zwischen Sanftmut und Bitterkeit sollte der beste Weg gewählt werden! Nicht Gewalt ist es, die dem Kind einen guten Start ins Leben ermöglicht…
Cédric Bonnébault
Jugenddelegierter – Kanton Wallis
Seit fast drei Jahren darf ich mich mit meinem Team dafür stark machen, dass Kinder gewaltfrei aufwachsen. Kinder haben, wie wir Erwachsene, Rechte. Eines ist das Recht auf Anhörung. Klingt das nicht naheliegend und selbstverständlich? Aber Hand aufs Herz: Wie oft hören wir im Alltag einander nicht richtig zu? Nicht nur den Kindern, auch dem Partner oder den eigenen Eltern? Wir sind im Alltagsstress, schweifen mit unseren Gedanken ab, beschäftigen uns mit vielem anderen. Viel hat uns im letzten Jahr beschäftigt. Die Pandemie hat unser Leben verändert. Die einen trifft es mehr als die anderen. Und es bleibt noch eine Weile anspruchsvoll und anstrengend. Das neue Jahr bringt noch nicht das erhoffte Glück. Jeder geht auf seine eigene Art mit dieser aussergewöhnlichen Situation um. Doch entspannter ist das Familienleben heute wohl kaum. Lasst uns das neue Jahr zum Anlass nehmen, wieder achtsamer mit unseren Liebsten zu sein. Lasst uns den eigenen, aber auch den anderen Kindern bewusster zuhören, was sie wirklich beschäftigt. Zuhören ist ein Anfang. Mit Zuhören und Hinschauen kann viel Enttäuschung und Schmerz verhindert werden. Für eine gewaltfreie Kindheit.
Andrea Braschler
Mutter von zwei Kindern und Beraterin bei der Werbeagentur Jung von Matt LIMMAT
Als Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes Bundesverband e.V. war die Erarbeitung von Konzepten in den Bereichen Erziehungskompetenz und Gewaltprävention ein wichtiger Schwerpunkt meiner Arbeit. Ich wirkte federführend beim Ausarbeiten des Elternkurskonzeptes Starke Eltern-Starke Kinder® mit. Vor 20 Jahren wurde, entsprechend der Ziele der UN-Kinderrechtekonvention, das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung ins Bürgerliche Gesetzbuch in Deutschland aufgenommen (§ 1631 Abs.2: Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig). Zur Bekanntmachung des neuen Gesetzes wurde eine bundesweite Kampagne organisiert. Der Kurs Starke Eltern-Starke Kinder® wurde als Begleitprogramm für Eltern aufgenommen und verbreitete sich rasant im Land und über die Grenzen hinaus. Zahlreiche Eltern und ihre Kinder konnten seitdem von der anleitenden Erziehungshaltung profitieren, wie verschiedene Evaluationsstudien zeigen. Wir haben vieles erreicht. So ist zwar im Vergleich zu den Jahren 2006/07 die Zahl der Körperstrafen zurückgegangen. Doch greift noch rund die Hälfte der Eltern auf körperliche Bestrafung in der Erziehung zurück. Dabei handeln die meisten Eltern nicht mehr aus Überzeugung, sondern aus Überforderung! Es war und ist interessant zu beobachten, wie sich durch den Wandel der Werte und neuerdings auch durch die Corona Pandemie Veränderungen entwickeln – aber leider oft auch rückwärts. In den Bereichen Gewalt gegen Kinder, Kinderarmut und gerechte Bildungschancen sind der ‹Stillstand› und der Rückgang in der Entwicklung geradezu unerträglich für mich. Und doch bin ich zutiefst überzeugt, dass das Bewusstsein für den Kinderschutz und die Kinderrechte auch europaweit an Bedeutung gewinnen werden, auch dank der Arbeit von Organisationen wie Kinderschutz Schweiz und des Kinderschutzbundes in Deutschland.
Paula Honkanen-Schoberth
Autorin, Mutter einer erwachsenen Tochter und Oma von zwei süßen Enkelsöhnen
Ich bin 26 Jahre alt und Studentin. Seit Jahren gebe ich Schwimmunterricht für Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren. Als stellvertretende Präsidentin eines Schwimmvereins bin ich häufig mit den Problemen der Kinder konfrontiert und lerne auch deren Familien kennen. Ich selbst habe zwar keine Kinder, aber wenn ich die Dynamik vom Beckenrand aus beobachte, stelle ich immer wieder fest, dass aggressive Kommandos nichts bringen. Ganz im Gegenteil: Die Kinder ziehen sich in sich selbst zurück und versuchen, den Unterricht zu torpedieren, um sich zu rächen. Das Problem, mit dem wir am meisten zu kämpfen haben, sind übereifrige Eltern, die es ihren Kindern unmöglich machen, einen eigenen Charakter zu entwickeln, Erfahrungen mit anderen Kindern zu sammeln oder sich auch einmal mit dem Lehrer anzulegen. Viele Eltern sind sofort bereit, ihre Kinder vorbehaltlos zu verteidigen, ohne ihnen auf die sanfte Art beizubringen, dass sie manchmal doch Fehler machen. In unserer Rolle als Lehrer sind wir verpflichtet, uns so moderat wie möglich zu verhalten und den Kindern vom Beckenrand aus zu vermitteln, was richtig und was falsch ist. Kraftausdrücke sind dabei fehl am Platz. Dennoch müssen die Kinder lernen, dass die schützende Hand ihrer Eltern sie nicht unantastbar macht! Durch gemeinsames Engagement und im Dialog erreichen wir, dass die Kinder Schwimmen lernen, soziale Beziehungen knüpfen und dabei Spass haben!
Giorgia Rigazzi
Studentin und Schwimmlehrerin
Seit fast 20 Jahren arbeite ich im Bereich der Kindesmisshandlung. Ich bin auf diesem Weg dazu gekommen, für künftige Fachpersonen Kurse über die Auswirkungen der Gewalt gegen Kinder zu geben. Da ich genug davon hatte, nur über das Negative zu reden, habe ich lieber begonnen, mehr über die Möglichkeiten der Erwachsenen zur Förderung einer Erziehung, die Kindern gegenüber respektvoller ist, zu sprechen. Ich beginne die Kurse jeweils mit der Frage ‹Hintern versohlen – ja oder nein?›. Diese Diskussion erscheint vielen Studierenden häufig ‹belanglos›, da sie dies als Kinder selbst erlebt haben und ‹das doch gar nicht so schlimm war›. Am Ende der Diskussion werden sich viele von ihnen erst bewusst, dass ein Kind durch so eine Tat in erster Linie eines lernt: Derjenige, der stärker ist, kann seinen Willen einem anderen aufzwingen. Sie fragen sich vielleicht nun, welche Verbindung zwischen einem Klaps auf den Po und einem sexuellen Übergriff besteht, was ja die Art von Missbrauch ist, mit der ich mich vorrangig beschäftige. Sexueller Missbrauch bedeutet, die Grenzen einer anderen Person zu überschreiten. Und der Täter zwingt bei einem sexuellen Missbrauch in jedem Fall der anderen Person seinen Willen auf. Ein Kind, das in einer Familie aufwächst, die statt der Gewalt den Dialog vorzieht, weiss eher was es bedeutet, falls eine andere Person versuchen sollte, ihm seinen Willen aufzuzwingen. Ich wage deshalb, daran zu glauben, dass damit eines Tages der sich wiederholende Zyklus der Gewalt ein für alle Mal durchbrochen werden kann.
Marco Tuberoso
Psychologe, Verantwortlicher Prävention bei ESPAS, einer Fachstelle für die Prävention sexueller Gewalt in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz
Als Betroffene sehe ich es so: Es ist leichter möglich, den Körper nicht mehr zu spüren und die körperlichen Schmerzen auszublenden, als die seelischen Schmerzen. Körperliche Wunden können heilen, blaue Flecken vergehen. Doch die abwertenden Worte, die emotionale Kälte und die innere Abwesenheit eines Elternteils brennen sich in die Seele ein. Aber auch dies kann man ausblenden. Wer als Kind lernt, zu dissoziieren – also die Schmerzen der Seele nicht mehr zu spüren – lernt auch, die eigenen Bedürfnisse auszublenden, nicht mehr für sich einzustehen; Ja auch, sich selber nicht mehr zu lieben. Die (Ver)bindung zu sich selber zu verlieren und sich mehr darauf auszurichten, was andere wie die Gesellschaft und die Herkunftsfamilie von einem verlangen, kann zu schwerwiegenden Problemen und psychischen Erkrankungen führen. Kinder, die von den Eltern schlecht behandelt werden, hören nie auf, ihre Eltern zu lieben. Sie hören auf, sich selbst zu lieben.
Anonym
heute erwachsen und als Peer in der Jugendhilfe tätig
Kinder haben das Recht, in einem geschützten Rahmen aufzuwachsen, mit Bedingungen, in denen sie sich frei entfalten können. Ich habe neben meiner Arbeit als Illustratorin viele Jahre als Zeichen- und Werklehrerin unterrichtet und auch bei Lesereisen in die unterschiedlichsten Klassenzimmer sehen können. Etwas vom Unerträglichsten war und ist für mich psychische Gewalt gegen Kinder durch Bloßstellen oder Mobbing oder dadurch, die freie, kreative kindliche Gedankenwelt durch fixe, rigid eingrenzende Lebensvorstellungen ersetzen zu wollen. Das ist entwicklungs- und lebensfeindlich und dadurch zieht man Kindern den Boden unter den Füssen weg, statt diesen so zu beackern, dass sie angstfrei und selbstbewusst in einem liebevollen, empathischen Umfeld aufwachsen und sich entwickeln können. Das ist unsere Pflicht für ein gutes Zusammenleben.
Kathrin Schärer
Kinderbuch-Illustratorin
Der Geist ist ein machtvolles Wesen. Er beisst sich fest: an Eindrücken, an Erlebnissen und an Worten. Worte können trösten oder tief verletzen, manche hängen einem tage- oder gar jahrelang nach. Worte haben eine grosse Macht, sie beeinflussen tagtäglich, wie wir denken und handeln, was wir wahrnehmen und woran wir uns erinnern. Das ist bei Kindern nicht anders. Daher plädiere ich für einen achtsamen Umgang mit Worten, erst recht bei unseren Kindern. Fast alle Eltern kennen das: In den Zimmern herrscht eine Schneise der Verwüstung, es wird gestritten, gejammert und gemeckert ohne Ende. Irgendwann ist es mit der Selbstbeherrschung vorbei, und Mutter oder Vater ergreifen das Wort, erheben die Stimme, schimpfen oder schreien. Die Grenzen unserer Geduld sind überschritten, und wir hören uns Sätze sagen wie: ‹Also SO gehst du mir nicht aus dem Haus!›. Oder: ‹Nie kannst du deine Sachen einfach aufhängen, immer musst du alles liegen lassen.› Und: ‹Heul jetzt nicht rum, bist ja selber schuld.› Man schimpft und fühlt sich schlecht dabei. Denn eigentlich wissen wir doch: Es macht einen Unterschied, ob ich in der Ich-Form spreche und Lösungen anbiete oder ob ich in der Du-Form das Kind negativ bewerte. Und trotzdem bleibt es nicht dabei: Man schimpft, und schnell kommen demütigende Worte hinzu. Verbale Gewalt hat viele Formen, und Schimpfen, Anschreien und abwertende Bemerkungen sind nur drei davon. Hört ein Kind ständig: ‹Wie kann man nur so langsam/unaufmerksam/egoistisch/blöd sein!›, ist das genauso schlimm, wie tatsächlich geschlagen zu werden. Aus der Forschung ist bekannt, dass verbale Gewalt genauso schlimme Folgen für die kindliche Entwicklung hat wie körperliche Verletzungen. Worte hinterlassen Spuren in der Gehirnstruktur. Kinder verdienen es nie, verletzt zu werden, egal, was sie getan haben. Es ist immer die Aufgabe von uns Eltern (und nicht die der Kinder), für Harmonie in der Familie zu sorgen. Und das erreichen wir nicht, indem wir sie demütigen, beschimpfen oder bestrafen.
Claudia Landolt Starck
Mutter von vier Kindern und leitende Autorin des Schweizer Elternmagazins Fritz & Fränzi, herausgegeben von der Stiftung Elternsein
Ich bin in der Erwachsenenmedizin tätig. Die Erwachsenen sind die Kinder von gestern. Im Rahmen meiner Tätigkeit in der Schmerzmedizin bestätigte sich, dass Patientinnen und Patienten mit schweren Schmerzerkrankungen überdurchschnittlich häufig in ihrer Kindheit Gewalt erfahren hatten. Lange konnte man sich nicht vorstellen, dass das, was ein Kind erfährt, Auswirkungen auf die spätere Gesundheit als erwachsener Mensch haben könnte. Zwischenzeitlich konnten mit zahlreichen Untersuchungen weltweit die Zusammenhänge zwischen negativen Kindheitserfahrungen und der Erwachsenengesundheit aufgezeigt werden. Es ist so: Das kindliche Nerven- und Stressregulationssystem ist sehr empfindlich, und der Körper vergisst kaum mehr. Aber auch der ‹positive› Zusammenhang gilt: Wenn es uns als Gesellschaft und als Familie gelingt, dass Kinder eine kontinuierliche, liebevolle und zuverlässige elterliche Zuwendung erfahren, ist für das physische und psychische Befinden des späteren Erwachsenen viel Gutes getan. Das heisst: Auch wenn es darum geht, längerfristig die Gesundheit einer Gesellschaft zu fördern, sind Werteverschiebungen zugunsten einer kinder- und familienfreundlichen Politik die logische Folge. Kinder sind die Erwachsenen von morgen.
PD Dr. med. Niklaus Egloff
Medizinischen Fakultät, Universität Bern
Ich bin eine 26-jährige Studentin und stehe seit Jahren in engem Kontakt zu Kindern und ihren Familien. Ich habe selbst keine Kinder, aber aufgrund meiner Erfahrungen konnte ich wiederholt feststellen, dass weder physische noch verbale Gewalt je eine angemessene Lösung bei Problemen darstellt. Die Erziehung von Kindern und Jugendlichen in der heutigen Zeit ist nicht einfach. Die Gesellschaft stellt ihre Bedingungen und es wird erwartet, dass jedes Individuum in jedem Bereich sowohl bei der Arbeit als auch in der Familie selbstständig und effizient ist. Sich anzupassen und Schritt zu halten, wird immer schwieriger. Insbesondere die Eltern setzen sich selbst unter Druck und möchten perfekt sein. Niemand ist es; jeder hat seine Tage und Momente, in denen er es nicht mehr schafft. Wir sind alle Menschen und jeder hat seine Stärken und Schwächen. Gewaltanwendung scheint oft der schnellste und effizienteste Weg zu sein. Tatsächlich ist es aber am wichtigsten (und am schwierigsten), um Hilfe zu bitten und neue Standpunkte zu finden, die es uns erlauben, zugunsten des psychischen und physischen Wohlbefindens der eigenen Kinder anders zu handeln. Während meinen beruflichen Erfahrungen konnte ich feststellen, dass viele Eltern ganz einfach Angst haben, als unzulänglich empfunden zu werden, wenn sie um Hilfe bitten. Ich bin der Ansicht, dass wir alle unser Bestes geben können, damit diese negative Vorstellung aufhört. Dabei sollen wir denjenigen zuhören, die sich in Schwierigkeiten befinden, und den betreffenden Personen dabei helfen, nach anderen Strategien zu suchen, um das Problem zu bewältigen.
Giulia Zanga
Masterstudentin in Psychologie und Erziehungswissenschaften, Leiterin von Ferienlagern für Kinder mit Behinderung (ATGABBES)
‹Ich habe es halt auch herausgefordert, weil ich nicht immer brav war / etwas kaputt gemacht habe / in der Schule schlecht war – da hatte ich es auch nicht anders verdient.› Von Erwachsenen, die als Kind angeschrien, abgewertet und geschlagen wurden, wenn sie in den Augen der Eltern etwas falsch gemacht hatten, höre ich diese Aussage immer wieder. Und sie trifft mich jedes Mal bis ins Mark. Unbestritten, Kinder fordern Eltern heraus: sie fordern Liebe, Schutz, Sicherheit, Vertrauen, unsere Zeit und Aufmerksamkeit. Sie fordern klare Leitplanken, an denen sie sich orientieren können; ein Gegenüber, von dem sie lernen und an dem sie sich hie und da reiben können – und das sie auffängt, wenn sie alleine nicht weiterwissen. Aber sie fordern niemals Gewalt!
Stefanie Rietzler
Psychologin, Autorin (Geborgen, mutig frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden / Lotte, träumst du schon wieder?) und leitet die Akademie für Lerncoaching gemeinsam mit Fabian Grolimund (Foto: Franziska Messner-Rast)
Sprache ist unsere wohl unerschöpflichste Quelle der Magie. Joanne K. Rowling, eine starke Frau, legte Albus Dumbledore, einem starken Mann, starke Worte in den Mund. Im letzten Harry-Potter-Film liess sie Dumbledore zu Harry sagen: ‹Worte sind […] unsere wohl unerschöpflichste Quelle der Magie, Harry. Sie können Schmerz sowohl zufügen als auch lindern.› Die menschliche Sprache ist ein machtvolles, magisches Werkzeug. Der Mensch verfügt über die angeborenen Werkzeuge, Sprache zu produzieren und zu verstehen: Gehirn, Wahrnehmungsorgane und Produktionsorgane. Kinder fangen früh an, Sprache zu verstehen und zu produzieren. Dabei sind sie auf Sprachreize aus ihrer Umwelt angewiesen. Je mehr Wörter die Kinder hören, desto grösser wird ihr eigener Wortschatz. Je grösser der Wortschatz, desto besser werden später Texte verstanden und Inhalte gelernt. Wenn ich zum Beispiel eine mathematische Textaufgabe schnell verstehe, kann ich meine kognitiven Ressourcen vollumfänglich in das Lösen des mathematischen Problems investieren und verliere keine Zeit beim Verstehen des Textes. Vielfältige Sprache trägt somit zur Lesekompetenz und damit zu Bildung und Schulerfolg bei. Sprache hilft Kindern, ihre Gefühle differenziert zu beschreiben und dadurch zu regulieren. Die Kontrolle und Regulation von Emotionen ist für die Entwicklung von Kindern von unschätzbarer Bedeutung. Kinder mit guter Emotionsregulation zeigen häufig ein besseres Verständnis für die Gefühle ihrer Mitmenschen, weniger Aggressivität, ein besseres Sozialverhalten und ein grösseres Selbstbewusstsein. Wenn Kinder viele Wörter und Worte zur Verfügung haben und diese einzusetzen wissen, können sie Konflikte mit Argumenten statt mit Fäusten austragen. Sie können sich durch Argumente Gehör verschaffen. Kinder brauchen viele Wörter, viel Sprache, damit sie starke Worte produzieren können und zu starken Persönlichkeiten werden. Wenn Eltern bereits früh viel und vielfältig mit ihren Kindern sprechen und ihnen beim Sprechen zuhören, tragen sie einen wichtigen Teil zu dieser Entwicklung bei.
Moritz Daum
Vater von 3 Kindern, Professor für Entwicklungspsychologie am Psychologischen Institut der Universität Zürich
Ich bin Vater von drei Kindern zwischen 2½ und 8 Jahren. Wie jedes Elternpaar nahmen auch wir uns vor, unseren Kindern ein Umfeld mit viel Geborgenheit und Sicherheit zu bieten. Gewalt, weder physisch noch verbal, ist für uns nicht akzeptabel! Um den Kindern Halt, Sicherheit und Orientierung zu geben, sind Regeln und Grenzen eine Notwendigkeit. Im hektischen Familienalltag merke ich allerdings immer wieder, dass meine Geduld und mein Verständnis nicht grenzenlos sind und ich mich oft auch hilflos und überfordert fühle. Ich kann je nach Tageslaune aufbrausend sein, wenn Abmachungen missachtet und Grenzen überschritten werden oder mein Nervenkostüm schlicht löchrig ist. Dabei kommt mir meine Mutter in den Sinn. Wenn es mit meinen drei Geschwistern nicht selten drunter und drüber ging, flüchtete sie auf einen der nahe liegenden Bauernhöfe, bewegte sich, atmete tief durch und kam dann entspannter wieder heim. Hätte sie diese Möglichkeit nicht gehabt, wäre sie mit Sicherheit explodiert. Das ist heute bei mir nicht anders. Wenn es solch schwierige Momente oder gar ganze Phasen gibt, versuchen wir zu einem günstigen Zeitpunkt, die Kinder darauf anzusprechen, ihnen unsere Gefühle, unsere Enttäuschung oder unseren Ärger mitzuteilen. Dabei achten wir darauf, sie nicht zu verurteilen, sondern das Verhalten und nicht das Kind zu kritisieren. Das klingt alles so plausibel. In Wirklichkeit ist es ein ständiges Training: sich üben in Geduld und Gelassenheit, sich Zeit nehmen. Ich bin Mensch, es passieren Fehler, ich verliere mal die Fassung. In unserem Haus wird gestritten, manchmal auch laut. Unsere Kinder lernten früh, dass solche negativen Energien freigesetzt werden – überall im Leben. Sie erleben aber auch jedes Mal, wie man wieder Frieden schliessen und sich versöhnen kann. Wir sollten jede Gelegenheit wahrnehmen, uns beim Partner oder beim Kind zu entschuldigen, wenn es zuvor etwas laut wurde. Und ich bin sicher, dass das Kind so spürt, dass ich es über alles liebe.
Manu Burkart
Vater von 3 Kindern und Komiker beim Cabaret Divertimento
Ich bin eine Geschichtenerzählerin. Ich begegne in allen Schulen des Kantons Tessin – vom Kindergarten bis zum Altersheim – Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zwischen zwei und hundert Jahren. Ich mache diese Arbeit seit 36 Jahren. Zusätzlich habe ich eine Buchhandlung – eine Art literarische Apotheke – in Viganello. Ich sorge mit Geschichten und Büchern dafür, dass es allen gut geht. Aber ich mache es nicht extra, es geschieht einfach. Wenn ich in eine Klasse komme, erzähle, höre und lache ich. Ich bin gerührt und singe mit der Gitarre. Wenn ich den Raum wieder verlasse, habe ich das Gefühl, ein Säckchen mit Perlen zu besitzen, das ich vorher nicht hatte. Wenn du den Kindern zuhörst, schenken sie dir Perlen. Mit den Kindern muss man freundlich sein. Man muss für sie arbeiten. Wenn die Kinder spüren, dass man extra für sie etwas vorbereitet hat – eine Geschichte, ein Spiel, einen Reim – respektieren und lieben sie dich. Ich habe das Glück, über eine warme und tiefe Stimme zu verfügen und erhebe diese nie. Schreien bringt nichts. Wenn man schreit, hat man verloren. Ich sage es noch einmal: Mit den Kindern muss man freundlich sein. Wenn ein Kind vor dem Wasser Angst hat, muss der Schwimmlehrer mit diesem Kind viel Geduld haben. Wenn ein Kind im Ferienlager Heimweh hat, muss man es in den Arm nehmen. Wenn ein Kind vor der Klasse nicht lesen möchte, sollte man es nicht zwingen. Aber man muss den Kindern auch beibringen, mit den anderen freundlich zu sein. ‹Jedem Recht entspricht eine Pflicht.› ‹Krieg wird mit Frieden bekämpft.› In meinem Leben hat mir dieser Satz am meisten gedient. Lesen Sie mit Ihren Kindern das Buch von Paola Momiroli ‹Ranocchio Scarabocchio› und Sie werden es verstehen. Nach der Lektüre dieses Buches (das zur Bekämpfung von Mobbing beitragen möchte) sagen die Kinder wunderbare Dinge. Probieren Sie es aus und Sie werden es glauben.
Valeria Nidola
Lehrerin, Geschichtenerzählerin und Buchhändlerin
Jede Kultur ist überzeugt, Kinder zu ehren und sich für ihr Wohlergehen einzusetzen. Leider trügt der Schein. Wir dürfen nicht nur von schönen Worten ausgehen. Entscheidend ist, wie es den Kindern wirklich geht. Hinzusehen ist wichtig. Auch heute gibt es bei uns besorgniserregende Umgangsformen mit Kindern. In der Schule werden Standortgespräche durchgeführt, bei denen mehrere Erwachsene auf einen Schüler einreden und sein Verhalten, seine Persönlichkeit kritisieren. Das ist für Kinder grässlich. Begründung: Man will nur das Beste für den Schüler oder die Schülerin. Man geht von unerreichbaren Verhaltensnormen aus. Die Kinder werden dafür bestraft, weil sie dreinreden, emotional reagieren oder unruhig sind. Noch besorgniserregender ist die Tatsache, dass viele Kinder Gewalt und Übergriffe erleben; zu Hause oder unter Kollegen. Meistens sind Überforderung, existenzielle oder psychische Probleme der Bezugspersonen die Ursache. Die Kinder fühlen sich hilflos, geraten in einen Loyalitätskonflikt und verstecken ihre Nöte. Aus diesem Grund haben wir das Projekt ‹CliqCliq›, Kinder helfen Kindern, gestartet (www.cliqcliq.ch). Über Geschichten und spezielle Geschichtefestivals, geleitet von Jugendlichen, soll Kindern eine Sprache gegeben werden, damit sie ihre Erlebnisse und Anliegen besprechen können. Ohne die Loyalität zur Familie zu brechen, kann ihnen so geholfen werden, damit sie mit ihren Erlebnissen nicht alleine sind.
Prof. Dr. Allan Guggenbühl
Psychotherapeut und Autor, Direktor des Instituts für Konfliktmanagement
Diese Rubrik heisst ‹Starke Worte von starken Persönlichkeiten›, darum möchte ich Worte von meinen Kindern aufschreiben, denn für mich sind sie zurzeit die stärksten Persönlichkeiten in meinem Leben. ‹Papa, wann gehen wir endlich wieder in die Ferien?› Ein an sich banaler Satz, der für meine Tochter aber die Welt bedeutet. Warum bedeuten ihr diese Ferien so viel? Weil wir zusammen Zeit verbringen, weil wir zusammen lachen, spielen und toben. Für Kinder ist friedliches und unbeschwertes Zusammensein das grösste Glück. Und trotz forderndem Beruf und manchmal überfordernden Momenten im Elterndasein, versuche ich immer, auf meine Kinder zu hören. Und nicht nur auf ihre Worte, sondern auch auf ihr Herz.
Lorenz Clormann
Vater von zwei Kindern und Creative Director bei der Werbeagentur Jung von Matt/Limmat
Kinder schreiben die künftige Geschichte. Die Eltern und andere nahe Bezugspersonen geben ihnen die Wurzeln. Ihre Liebe und Fürsorge, ihre Vermittlung von Schutz und Geborgenheit, Verlässlichkeit und Sicherheit, ihre Unterstützung und Lenkung bilden den Nährboden für ein gesundes Wachstum der Kinder und sind die Voraussetzung für die Entfaltung ihres Potenzials. Gewalt überschattet und zerstört diesen Prozess. Wie können die Kinder künftig eine schöne und friedliche Welt erschaffen, wenn sie diese selbst nicht kennengelernt haben, wenn sie nicht die Erfahrung machen durften, dass sie für die ihnen am nächsten stehenden Menschen wichtig sind und von ihnen geliebt und geschätzt werden. Doch damit man den Kindern diesen förderlichen Entwicklungskontext bieten kann, muss man selbst mit sich im Lot sein, muss man die dazu notwendigen Ressourcen besitzen. Hier gilt es anzusetzen. Familien müssen gestärkt werden. Es gilt dort präventiv einzuwirken und die Eltern da zu unterstützen, wo sie in Not sind: bei ihren finanziellen Ressourcen, ihren Zeitressourcen, ihrer Partnerschaftsqualität, ihren Erziehungskompetenzen, ihrem psychischen Befinden. Wir müssen ihnen helfen, Alternativen zu Aggression und Gewalt zu finden, indem wir ihre Ressourcen stärken.
Prof. Dr. Guy Bodenmann
Psychologe, Paar- und Familienforscher, Entwickler eines Gesundheitsförderungsprogramms für Paare (Paarlife)
Ja, Kinder erleben Gewalt als schweren Eingriff in das Gefühl der eigenen Sicherheit, ihr Selbstwertgefühl, aber auch in ihre Entwicklung mit Folgen über das Kindsein hinaus. Aber wie können wir das Kindeswohl gewährleisten, und wann überschreiten die Eltern Grenzen, wenn es um kulturspezifische, soziale Aspekte von Gewalt geht? Kulturspezifische, soziale Aspekte von Gewalt gibt es auch hier in Europa. Klar, wenn der Körper des Kindes chromosomal, hormonell und/oder genital sich von der traditionellen Geschlechternorm unterscheidet, dann ist das eine Herausforderung für die Eltern. Müssen wir aber gegen geschlechtsverändernde Eingriffe hier in der Schweiz nicht auch kämpfen, so wie wir die weibliche Genitalverstümmelung verboten haben? Diese irreversiblen Eingriffe in die Integrität des Kindes hindern seine Entwicklung und gefährden sein Wohl über das Kindsein hinaus. Das ist nichts anderes als die Logik der weiblichen Genitalverstümmelung. Darum ist auch diese Form von Gewalt, der traditionelle oder kulturelle Stereotypen zugrunde liegen, nicht tolerierbar. Lösungsvorschläge ohne Gewalt sind vorhanden.
Mirjam Werlen
Rechtsexpertin im Bereich Kindesschutz, Mitglied InterAction Suisse, ein Verein für intergeschlechtliche Menschen. InterAction Suisse engagiert sich auch für die Unterstützung der Eltern.
Als nationaler Politiker habe ich Recht und Pflicht, mich mit Regeln auseinanderzusetzen und dabei anderen Ideen mit Respekt zu begegnen. Ich füge meinem Gegenüber keine physischen oder psychischen Schmerzen zu, wenn seine Idee mich nervt. Was in der Politik bei Auseinandersetzungen gilt, gilt auch in der Familie. Regeln aufstellen und einhalten ist auch in der Erziehung wichtig – und dabei dem Kind mit Respekt begegnen. Die Kampagne von Kinderschutz Schweiz spricht mir deshalb aus dem Herzen: ‹Starke Ideen – es gibt immer eine Alternative zur Gewalt›.
Fabio Regazzi
CVP-Nationalrat, Mitglied der politischen Kommission von Kinderschutz Schweiz
Ich erlebe täglich Situationen mit Kindern, die mich an meine Grenzen bringen. Dies gilt nicht nur zu Hause, wo unsere drei Buben zuweilen wie überdrehte junge Hunde herumtollen und nie müde werden, sondern auch in meinem Beruf. Als Traumdoktorin kommt mir die dankbare Aufgabe zu, hospitalisierten Kindern und ihren Familien ein paar bunte, zauberhafte und manchmal auch verrückte Momente neben dem strukturierten Spitalalltag zu verschaffen. Das macht wie das Muttersein viel Freude, erfordert aber auch viel Kraft und Energie. Meine Überlebensstrategie heisst Humor, im privaten wie im professionellen Umfeld. Was wir als Eltern investieren, bildet den Boden einer gesunden Kindheit. In schwierigen Momenten hilft es, ein inneres Bild einer Achterbahn zu kultivieren – anschnallen und zurücklehnen, die Fahrt geht los, ob ich will oder nicht! Auch dem Kind hilft diese Einstellung: Wir gehen da zusammen durch, komme, was wolle. Und irgendwann können wir – früher oder später – gemeinsam darüber lachen.
Nina Wägli
Mutter von drei Buben im Alter von 7, 5 und 4 Jahren, ausgebildete Schauspielerin, soziokulturelle Animatorin – und «Traumdoktorin» für die Stiftung Theodora
Kinder zu begleiten, bringt einerseits viel Freude und Glück, ist aber auch eine der grössten Herausforderungen, die uns das Leben stellt. Dies weiss ich aus eigener Erfahrung im Familienalltag mit drei Töchtern. In den Elternkursen von Starke Eltern – Starke Kinder®, die ich leite, können Eltern lernen, wie sie in Krisensituationen reagieren, eine positive Beziehung aufbauen sowie gelassener und mit mehr Freude im Alltag reagieren können. Die Eltern im Kurs schätzen es sehr, wenn ich Beispiele aus meinem Leben erzähle, und es entlastet sie, dass alle Eltern ähnlichen Fragen begegnen – auch ich. Im Gegenzug nehme ich in den Kursen jeweils auch immer wieder von den Teilnehmenden etwas für meinen Alltag mit und lerne dazu. Leider ist in der Gesellschaft und in den Köpfen vieler Menschen noch immer die Meinung weit verbreitet, dass ein Klaps oder eine Ohrfeige noch keinem Kind geschadet hat. Meine Arbeit in den Kursen bedeutet mir deshalb viel, und ich hoffe, dass es gelingt, Eltern Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, denn es gibt immer eine Alternative zur Gewalt.
Claudia Bischofberger
Mutter von drei Töchtern und zertifizierte Kursleiterin Starke Eltern – Starke Kinder®
Ich bin immer wieder erstaunt und erschüttert, wenn ich Aussagen höre wie ‹eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet›. Klar tut sie das! Als Eltern ist es unsere wichtigste Aufgabe, unseren Kindern eine sichere Beziehung anzubieten. Nichts bereitet ein Kind besser auf sein weiteres Leben vor als Eltern, die ihm vermitteln können: ‹Ich sehe dich, ich bin für dich da, ich nehme dich an und ich verbringe gerne Zeit mit dir. Du bist in meinem Leben willkommen.› Körperliche und psychische Gewalt zerstört dieses Band. Kinder, die Angst vor ihren Eltern haben müssen, befinden sich in ständiger Alarmbereitschaft. Wenn wir möchten, dass sich unsere Kinder zu innerlich freien, gesunden Erwachsenen entwickeln, dann müssen wir im Umgang mit Kindern Wege finden, die nicht auf Gewalt, Zwang und dem Recht des Stärkeren aufbauen.
Fabian Grolimund
Psychologe, Autor, Leiter der Akademie für Lerncoaching in Zürich und Vater zweier Kinder
Beim Engagement für gewaltfreie Erziehung dürfen wir nicht ausschliesslich die körperliche Gewalt in den Fokus rücken. Denn psychische Gewalt wird in der herkömmlichen Erziehung, mit ihren typischen Mechanismen oft unbewusst immer noch angewandt. Deshalb ist es mir wichtig, Eltern auf die destruktiven Methoden, die mitunter auch durch mediale Berichte und gesellschaftlichen Druck beeinflusst werden, aufmerksam zu machen. Wenn Eltern in ihrer Kindheit Bindungs- und Bezugspersonen erlebt haben, die psychische sowie physische Gewalt als probate Erziehungsmassnahmen eingesetzt haben, finden sie kaum alternative Möglichkeiten im Umgang mit Konfliktsituationen und fühlen sich hilflos. Die Erinnerungen an die schmerzlichen Erfahrungen und die damit verbundenen Gefühle können sich, ausgelöst durch das Verhalten der Kinder, in einem ungewollten Akt der Gewalt auf ihre eigenen Kinder übertragen. Viele konfliktreiche Situationen und Überforderungen im Erziehungsalltag lassen sich vermeiden, wenn wir uns unserer eigenen biografischen Vergangenheit bewusst werden. Sich über die eigenen Gefühle im Klaren zu sein und sich eine ‹neue› hilfreiche Strategie zur Regulierung anzueignen, kann den Kreislauf stoppen, der sonst allenfalls über Generationen hinweg bestehen bleibt.
Lisa Werthmüller
Dipl. Psychologische Beraterin und Eltern- Kind Coach, Mutter einer erwachsenen Tochter
Kinder sind neugierig. Sie wollen die Welt verstehen und am Leben teilhaben. Gewalt, sei es physische oder psychische, schafft bei Kindern ein hässliches Verständnis der Welt. Gewalt hindert Kinder an einer uneingeschränkten Teilnahme an der Gesellschaft. Deshalb dürfen wir nie aufhören, über Gewalt in der Erziehung, in der Familie und in der ganzen Gesellschaft zu diskutieren. Denn Kinder können sich nicht selbst wehren. Sie brauchen und verdienen uneingeschränkten Schutz und Unterstützung. Schliesslich sind Kinder die Basis der Gesellschaft von morgen.
Bundesrätin Viola Amherd
ehemaliges Mitglied des Stiftungsrates Kinderschutz Schweiz
Starke Worte sind schnell gesagt, und starke Mütter und Väter sind wir alle. Aber wir alle sind auch mal schwach und stossen in der Erziehung unserer Kleinen an Grenzen. Es zeugt von Stärke, wenn man diese Grenzen erkennt, und es gibt einem Mut, wenn man weiss, dass man dabei nicht alleine ist. Genau da hilft die Sensibilisierungskampagne von Kinderschutz Schweiz. Sie will die Thematik enttabuisieren und macht deutlich, dass es immer Alternativen zur Gewalt gibt. Als Präsidentin der Mütter- und Väterberatung ist es mir wichtig, dass wir Vätern und Müttern in Erziehungsfragen hilfreiche, zeitnahe und angemessene Unterstützung bieten. Aber auch die Politik ist gefordert, der gewaltfreien Erziehung mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Starke Worte alleine reichen nicht, neben den Unterstützungsangeboten für Eltern braucht es auch politische Antworten. Das sind wir allen Kindern schuldig.
Flavia Wasserfallen
Nationalrätin, Präsidentin Mütter- und Väterberatung, Mutter von drei Kindern
Eltern sind im anspruchsvollen Erziehungsalltag gefordert, manchmal überfordert. Das kann zu Grenzüberschreitungen führen, die im Nachhinein bereut werden und unangenehme Gefühle hinterlassen. Gewalt zerstört immer etwas in der Eltern-Kind-Beziehung. Sie hinterlässt Spuren. Sprechen wir über Gewalt. Sie ist keine Lösung. Sie ist ein Zeichen von Überforderung. Sprechen wir offen darüber und haben den Mut, in den Austausch zu gehen. Es braucht keine tadelnden Worte für Eltern. Es braucht konkrete und gewaltfreie Methoden, die Eltern im Umgang mit ihren Kindern einsetzen können. Eltern sollen ein Bewusstsein dafür erlangen, wie sie mit ihren Emotionen umgehen können. Sie sollen ihren eigenen Notausstieg aus Ärger, Wut und Aggression finden. Für sich ein Ventil suchen, das sich nicht gegen die Kinder richtet. Eltern sollten sich frühzeitig Hilfe holen, um gewaltfreie Handlungsalternativen kennenzulernen und diese dann erziehungsfördernd einzusetzen. Diese und weitere Themen vermittle ich Eltern als Kursleiterin von Starke Eltern – Starke Kinder® in Workshops und Kursen. Ich profitiere davon immer wieder von Neuem, auch für mich selbst und im Umgang mit meinen Kindern.
Patrizia Luger
Erwachsenenbildnerin mit eidg. FA, Kleinkinderzieherin, Mutter von drei Kindern, zertifizierte Kursleiterin Starke Eltern – Starke Kinder®
Kinder zeigen uns jeden Tag, dass wir uns verbessern können – doch einfach ist es nicht. Ich komme mit meinem älteren Sohn momentan ab und zu an Grenzen; es ist eine Gratwanderung, wie man reagieren soll. Was mir hilft, ist das Verständnis, warum es die Autonomiephase braucht. Manchmal atme ich tief durch und gehe kurz aus dem Raum – diese Deeskalation hilft uns beiden. Manchmal lache ich einfach, auch das hat schon geholfen (bei ihm und bei mir). Auf der anderen Seite zeigt er mir als mein Spiegel, welche Verantwortung wir als Eltern haben, damit unsere Kinder gesunde, starke Menschen werden. Wie bei einer Gemüsepflanze im Garten: Manchmal windet und regnet es, doch die Pflanze braucht dies, um bei Sonnenschein gut wachsen zu können.
Moana Werschler
Bloggerin auf dem Mama- und Foodblog www.missbroccoli.com, Gemüseexpertin und Medienwissenschaftlerin, Mutter von zwei Söhnen (5 Monate und 3,5 Jahre)
Gewalt im jungen Alter kann die kindliche Entwicklung auf verschiedenen Ebenen beeinträchtigen. Entsprechende Forschung zeigt, dass sich frühe Gewalterfahrung auf die Hirnentwicklung auswirken kann. Diese neuronalen Veränderungen im Gehirn eines Kindes können wiederum seine emotionale und soziale Entwicklung sowie seine Entwicklung der Denkfähigkeit negativ beeinflussen. Die Folgen von Gewalt in der Kindheit sind tiefgreifend und weitreichend. Eine Vermeidung von Gewalt an Kindern in der Erziehung ist folglich von zentraler Bedeutung. Sie ist entscheidend für eine gesunde Entwicklung des Kindes und ebenso für die Förderung einer gewaltfreien Zukunft von morgen.
Dr. Niamh Oeri
Post-Doc an der Abteilung für Entwicklungspsychologie der Universität Bern
‹Früher sei das Erziehen einfacher gewesen, da hätten die Kinder noch gehorcht.› Diesen Satz höre ich immer mal wieder, und ich muss sagen, ich stimme dem sogar zu. Die Kinder haben aber nicht gehorcht, weil sie mehr Respekt vor der erwachsenen Person gehabt haben, sondern weil sie Angst vor der physischen und psychischen Gewalt der Erzieher hatten. Eine Beziehung, die auf Angst, Scham und Schuld aufgebaut ist, führt nie zu einem gesunden stabilen psychischen Zustand eines Menschen. Das Ziel heutiger Erziehung sollte sein, dass die Individualität der Kinder in Familien und Institutionen von klein auf respektiert wird. Denn nur so können sich die Kinder zu jungen Erwachsenen mit einer psychischen und mentalen Gesundheit und einer guten psychosozialen Kompetenz entwickeln. Sind es nicht genau solche Menschen, die unsere Gesellschaft so dringend braucht?
Caroline Märki
Gründerin und Leiterin von familylab.ch und Familienberaterin nach Jesper Juul
Kinder sind in der Schweiz zu wenig geschützt. Das habe ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit gesehen. Leider wird diese persönliche Beobachtung auch durch die hohe Zahl von physischen und psychischen Kindsmisshandlungen bestätigt. Aufgrund der Erfahrungen anderer Länder weiss man, dass die hohen Fallzahlen durch zwei Massnahmen verringert werden können: Sensibilisierungskampagnen und die Definition einer klaren Rechtsgrundlage. Beide werden aktuell umgesetzt. Einerseits führt Kinderschutz Schweiz eine Sensibilisierungskampagne durch, die die breite Bevölkerung anspricht, und andererseits habe ich zusammen mit meinen Parteikolleginnen und kollegen sowie anderen Parlamentsmitgliedern einen parlamentarischen Vorstoss eingereicht, um das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung gesetzlich zu verankern. Die Politik trägt nun die Verantwortung für die Erarbeitung einer klaren Rechtsgrundlage. Die Debatte muss jetzt geführt werden.
Géraldine Marchand-Balet
Mutter von zwei erwachsenen Kindern, CVP-Nationalrätin
Gewalt schadet Kindern, das ist hinlänglich bekannt. Es gibt IMMER eine Alternative zur Gewalt!
Monika Fellenberg
Dozentin am Institut Integration und Partizipation an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Mitglied des Stiftungsrates Kinderschutz Schweiz
Eigentlich wäre es so einfach: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch einem Kind nicht zu. Leider ist dieser Ansatz nicht Common Sense. Unsere Gesellschaft ist noch zu fest vom blinden Gehorsam geprägt. Dazu kommt, dass dieses ganze Elternsein ultra anspruchsvoll ist. Machen wir uns nichts vor: Ich als Mutter komme täglich an meine Grenzen. Und genau deshalb braucht es Unterstützung und Ressourcen für Eltern. Es braucht Kampagnen, Stimmen und Ideen, die sich für ein gewaltfreies Familienleben stark machen. Für ein Leben mit Kindern auf Augenhöhe.
Ellen Girod
freie Journalistin, Mutter von zwei Mädchen (2 und 4 Jahre) und Gründerin von Chezmamapoule.com, dem Webmagazin für eine kinderfreundliche Welt
Auch in der Kindererziehung gilt: ‹In guten wie in schlechten Zeiten›. Und gerade Letztere sind die prägendsten. Es liegt an uns, unseren Kindern jederzeit mit Respekt zu begegnen, auch wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir gerne hätten. Ich selbst halte es so: Geht es mir selbst gut, gehe ich ganz anders mit fordernden Situationen um. Ich bin entspannter, gelassener, gehe unbeschwerter durch den Tag. Das erzeugt eine gewisse Resonanz. Die Dynamik ist eine ganz andere. Also müssen wir erstmal bei uns selbst anfangen, dafür sorgen, dass wir selbst ausgeglichen sind und im Familienstrudel nicht unter gehen. Einmal tief durchatmen ist nicht nachhaltig. Nur wer gut zu sich selbst schaut, für wen Selbstliebe und -pflege keine Fremdwörter sind, hat auch genügend Kraft, uneingeschränkt für andere da zu sein. ‹If mommy ain’t happy, ain’t nobody happy.› Gewalt ist immer ein Zeichen von Überforderung und Schwäche. Wer mit sich im Reinen ist, begegnet dem Gegenüber ganz anders.
Nadja Zimmermann
Unternehmerin, Buchautorin und Bloggerin, Mutter von zwei Mädchen im Alter von 12 und 7 Jahren
Der Einsatz von kommunikativer und körperlicher Gewalt ist ein Zeichen von Machtlosigkeit. Wir Erwachsene müssen auf andere Weise mit unserer Schwäche umgehen können, denn Gewalt schädigt die Entwicklung unserer Kinder nachhaltig. Sich Schwäche und Überforderung einzugestehen und Unterstützung in Anspruch zu nehmen, ist demnach eine wichtige Voraussetzung für gewaltfreie Erziehung. Eine weitere Voraussetzung ist, dass niederschwellige Unterstützungsangebote zeitnah zur Verfügung stehen.
Prof. Dr. Martin Hafen
Dozent und Präventionsfachmann an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Erziehen kann man auf vielfältige Art und Weise. Als dreifache Mutter weiss ich, dass jedes Kind, jede Lebensphase und viele ausserordentliche Momente eine besondere Flexibilität in der Erziehung erfordern. Diese Flexibilität wird mit Gewalt jäh gestoppt. Gewalt trägt nie zur Konfliktlösung bei. Sie schadet dem Kind. Es ist Zeit, dass die Gesellschaft und die Politik entscheiden, welchen Schutz wir unseren Kindern gewähren möchten. Wenn es nach meinen Werten geht, dann ist es der grösstmögliche Schutz.
Christine Bulliard-Marbach
CVP-Nationalrätin, Präsidentin der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) des Nationalrats, Mutter von drei Kindern
Zitat von Karl Valentin: ‹Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.› Ganz nach diesem Motto versuche ich, meinen Kindern ein Vorbild zu sein. Ich bin überzeugt davon, dass das alles ist, was ich machen kann, um meine Kinder nachhaltig in ihrem Leben zu begleiten und immer wieder Anlaufstelle zu sein. Als Anlaufstelle stelle ich meine Zeit zur Verfügung. Zeit ist mein kostbarstes Gut, das ich meinen Kindern anbieten kann. Zeit bedeutet bei meiner Vorbildrolle als Vater, immer wieder Geduld aufzubringen, ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken und unzählige Wiederholungen als Konstante im Spiel zu halten. Total unspektakulär und ganz für mich. Die Kinder schauen sowieso.
Christian Lüber
Vater von drei Kindern, Kindermusiker und Entwickler von Hilfssheriff Tom, der Kinderband aus der Wilden Schweiz
Jedes Kind hat das Recht, gewaltfrei erzogen zu werden. Dieses Recht ist eine Handlungsanleitung für alle Erziehende. Ob zu Hause oder in Betreuungseinrichtungen. Als Präsidentin von Kibesuisse ist mir die gewaltfreie Erziehung – immer und überall – ein persönliches Anliegen.
Rosmarie Quadranti-Stahel
BDP-Nationalrätin, Mutter von drei erwachsenen Kindern
Ich schaue zurück auf meine eigene Kindheit. Da war Wärme, da war nie Gewalt. Weder sprachlich noch körperlich. Das hat mir den Raum gegeben, mich zu entwickeln. Und es gibt mir die Kraft, selber Wärme weiterzugeben an die Kinder. Menschen, die in der Kindheit selber Gewalt erlebt haben, und diese Gewalt nicht in die nächste Generation tragen, beweisen echte Stärke. Mehr Stärke, als ich je beweisen musste. Kinderschutz Schweiz kann helfen, dafür den nötigen Impuls, den nötigen Halt zu geben.
Lorenz Pauli
Kinderbuch-Autor und Erzähler, Vater von 2 Teenagern
Als Karatelehrer unterrichte ich Kinder, die aus verschiedenen Kulturen kommen, und das freut mich sehr. Ich habe den Eindruck, dass nicht alle ganz freiwillig in den Unterricht kommen, sondern teilweise auch aus erzieherischen Gründen. Das motiviert mich umso mehr, diesen Kindern mit viel Wertschätzung zu begegnen. Diese Wertschätzung darf nicht abhängig von ihren Leistungen sein. Sie sind es wert, geschätzt zu werden, ‹weil es sie gibt› und nicht weil sie im Training sind. Kinder zeigen ihre Emotionen ganz direkt, und es stellt mich jedes Mal auf wenn ich die Freude in den Kinderaugen sehe. Ich begrüsse und verabschiede jedes Kind mit der gleichen Wertschätzung und gehe während des Trainings so gut wie möglich auf jedes einzelne ein. Lehrer haben eine besondere Verantwortung: Wertschätzung unabhängig von der Leistung weiterzugeben.
Alexander Meier
J+S-Leiter Karate
Der Einsatz von physischer und psychischer Gewalt als Erziehungsmassnahme beeinträchtigt die gesunde Entwicklung von Kindern. Auf dem Weg zu einem selbstständigen Dasein als Mitglied unserer Gesellschaft braucht es eine liebevolle Begleitung, tragende Beziehungen und gute Vorbilder. Kinder lernen am Modell, ob dies negativ oder positiv ist. Achten wir also darauf.
Susanna Valentin
Mutter dreier Söhne im Alter von 6, 4 und 2 Jahren, Klinische Heil- und Sozialpädagogin, Kursleiterin Starke Eltern – Starke Kinder® und freie Journalistin
Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unsere Kinder ein Leben lang zu begleiten und darauf vorzubereiten. Selbstverständlich tragen wir hierbei die Verantwortung dafür, sie unter anderem zu erziehen. Dass es natürlich nicht immer so funktioniert wie wir es erwarten, wissen wir ja alle. Viele sagen es gebe kein Richtig oder Falsch. Da bin ich anderer Meinung: Gewalt ist (immer) der falsche Weg. Erwachsene sind Kindern überlegen. Kinder sind den Erwachsenen ausgeliefert, und diese Art von Machtausübung ist ein absolutes No-Go. Gewalterlebnisse in den eigenen vier Wänden hinterlassen für immer psychische und seelische Wunden. Niemand ist perfekt, aber lasst uns Erwachsene immer wieder daran denken, wie viel auch wir von unseren Kleinsten lernen können. Es ist und bleibt an uns, zu reflektieren, geduldig zu sein (auch mit uns), aus Fehlern zu lernen. Tag für Tag, step by step – gemeinsam mit unseren Kindern. Nur so sind wir ein gesundes Vorbild, und nur so, können aus ihnen gesunde Erwachsene heranwachsen, die wiederum unsere Zukunft stemmen werden.
Racha Fajjari
Unternehmerin und Gründerin von Mamalicious, der grössten Mami-Community der Schweiz und Mutter eines Sohnes im Alter von 8 Jahren
Kinder sind besonders sensibel. Schon im Kleinkindalter haben meine Kinder bemerkt, wenn es mir nicht gut ging und sorgten sich dann um mich. Dieses Vertrauen ist sehr viel wert und wir dürfen es nicht missbrauchen. Gewalt ist die stärkste Kraft der Zerstörung. Auch wenn ich keine Vorzeigepädagogin bin und aufgrund vergangener Erlebnisse schon oft eine geballte Ladung Wut im Bauch hatte, zeige ich meinen Kindern stets, dass Gewalt keine Lösung ist. Gewaltfreier Widerstand ist ohnehin viel nachhaltiger, für Kinder sowie auch für Erwachsene.
Jolanda Spiess-Hegglin
Netzaktivistin und Geschäftsführerin #NetzCourage
Ob wir wollen oder nicht: für unsere Kinder sind wir Eltern die Vorbilder für das bewusste und unbewusste Erlernen und Wiedergeben von Emotionen, Reaktionen und Verhaltensmustern. Sie schauen uns zu, lernen und kopieren. Ist Gewalt in physischer oder psychischer Form unsere Art, in Grenzsituationen zu reagieren, werden unsere Kinder auch dies von uns erlernen. Ob eine Erziehung eher konsequent oder tendenziell ‹laisser-faire› ist, sollte individuell wählbar sein. Nicht aber der Aspekt der Zuneigung. Liebe, Geborgenheit und Sicherheit sind die Stützpfeiler jeglicher Art von Erziehung. Eltern sollten liebevoll reden und loben, liebevoll ermahnen, liebevoll Grenzen setzen – liebevoll erziehen.
Fiorina Springhetti
Gründerin von www.mamalltag.ch, ganzheitliche Ernährungsberaterin und angehende Naturheilpraktikerin, Mutter von zwei Mädchen im Alter von 4 und 5 Jahren
In der heutigen hektischen Welt, in der von Eltern erwartet wird, Kinder, Karriere und die eigenen Bedürfnisse problemlos unter einen Hut zu bringen, ist es mir ein grosses Anliegen, Gewalt in der Erziehung zu thematisieren. Oftmals sind Eltern überfordert und funktionieren nur noch. Sie versuchen, die Fassade zu wahren, und holen sich keine Hilfe. Die Leidtragenden sind die Kinder. Gewalt und Vernachlässigung haben viele Formen. Kinder haben es verdient, in einer fürsorglichen und liebevollen Umgebung aufzuwachsen. Nur so werden sie zu verantwortungsvollen Jugendlichen und Erwachsenen.
Slavia Karlen
Bloggerin von womentalk.ch, Mutter eines 12-jährigen Sohnes
‹Gewalt bringt keine Pflanze zum Wachsen, sie reisst höchstens deren Wurzeln aus.› Sprechen wir über das, was sonst im Verborgenen geschieht, und unterstützen Eltern und Kinder. Kinderschutz Schweiz handelt und setzt ein Zeichen!
Fleur Jaccard
Leiterin Soziales, Christoph Merian Stiftung und engagiert für Kinder
Kinder bringen einen oft an Grenzen. Ich erlebe das immer wieder mit meinen eigenen Söhnen: Tobsuchtsanfälle im Laden an der Kasse, Arbeitsverweigerung beim Aufräumen, Trödeln auf dem Weg zur Kita. Dabei richtig zu reagieren ist eine grosse Herausforderung. Gleichzeitig sind uns unsere Kinder aber auch völlig ausgeliefert. Sie können keinen guten Freund anrufen, sie können sich nicht wehren und wenn sie von Mama oder Papa Gewalt erfahren, wissen sie nicht, dass es eigentlich anders sein sollte. Deshalb brauchen Kinder unsere Unterstützung und unsere Aufmerksamkeit.
Nils Althaus
Kabarettist, Musiker und Schauspieler, Vater eines 4-jährigen und eines 1.5-jährigen Sohnes
Manchmal vergessen wir, dass Kinder nicht als Erwachsene zur Welt kommen und dass wir alle selbst mal Kinder waren. Ein Perspektivenwechsel tut uns allen gut. Er hilft uns den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und sie besser zu verstehen. Macht und Gewalt auszuüben ist für mich ein No-Go. Dennoch. Noch nie hat mich etwas derart gefordert wie das Mamasein. Das Elternsein. Die allerschönste und zugleich schwierigste Aufgabe, die ich mir je hätte vorstellen können. An sich selber zu arbeiten, zu reflektieren, sich familiäre Ziele zu setzen und diese versuchen zu verwirklichen. Das lohnt sich auf jeden Fall.
Olivia Abegglen
Bloggerin von fraeuleintiger.ch und Mutter von zwei Jungen im Alter von 3 und 1
Ich habe als Kind ungerechtfertigt Ohrfeigen bekommen und merke, dass ich auch heute — in der zweiten Hälfte meines Lebens — noch darunter leide. Deshalb unterstütze ich die Kampagne von Kinderschutz Schweiz. Es soll nicht bagatellisiert werden, wenn Eltern ihre Kinder schlagen. Mir selber ist die Hand gegen meine Kinder nie ausgerutscht und ich bin dankbar zu wissen, dass ich meinen Kindern dieses Trauma nicht weitergegeben habe. Dies ist ein kleiner aber wichtiger Beitrag für eine bessere Welt. Er erhöht die Chancen auf psychische Gesundheit in allen Lebensphasen.
Anonym
Jede Form von Gewalt verunsichert ein Kind zutiefst und erschüttert das Vertrauen in sich und seine Umgebung. Kinder, deren Bedürfnisse wahrgenommen werden, die mitbestimmen können und auch Nein sagen dürfen, entwickeln sich zu Persönlichkeiten, die selbstbestimmter durchs Leben gehen. Wenn Eltern ihrem Kind von Anfang an das Recht auf Beteiligung und Mitbestimmung geben, tragen sie wesentlich zu seinem Schutz vor Gewalt bei. Es kommt vor, dass Eltern an ihre Grenzen stossen. Die Pro Juventute Elternberatung ist darum in allen Situationen da für Eltern – rund um die Uhr, an 365 Tagen pro Jahr (058 261 61 61, elternberatung.projuventute.ch).
Katja Wiesendanger
Direktorin der Stiftung Pro Juventute
Vertrauen ist wie ein Blatt: Ist es einmal geknickt werden die Spuren immer zu sehen sein. Kinder erleben bei Gewalt durch Erwachsene einen schweren Eingriff in das Gefühl der eigenen Sicherheit. Dieser Vertrauensverlust ist für Kinder besonders bedrohlich. Mir als junger Vater ist es ein grosses Anliegen, meinem Sohn Sicherheit, Geborgenheit und Schutz bieten zu können. Das Gefühl von Vertrauen, dass ich Ihm bieten kann, ist gleichzeitig der wertvollster Beweis meiner Liebe.
Christian Glauser
Leiter Energiefachstelle und Vater eines 1-jährigen Sohnes
Struktur und Regeln sind mir wichtig – ich stehe nicht auf „laisser-faire“. An einem Strang (er-)ziehen und als Team auftreten, egal ob die Eltern zusammen oder getrennt sind, das ist meine Meinung und Einstellung. Nur so erhalten Kinder die notwendige Stabilität und den geregelten Tagesablauf, welche ihnen die nötige Sicherheit geben. Ausserdem gehören für mich Respekt und Anstand zu einer guten Erziehung – das „Hallo“ sowie das „Gute Nacht“ ist bei uns ein Muss. Vereinbarkeit von Familie, Job und Studium ist nicht einfach und verlangt von der ganzen Familie ein grosses Stück ab. Dies funktioniert nur mit Struktur, Organisation und guten Umgangsformen.
Marie-Eve Marville
Performance Manager und Mutter eines 7-jährigen Sohnes
Gewalt gegen Kinder geht uns alle etwas an! Als Mutter von zwei Jugendlichen weiss ich, dass Eltern Unterstützung brauchen für eine gewaltfreie Erziehung – eine Erziehung, die die Würde aller respektiert, des Kindes und der Eltern. Niemand hat gerne Gewalt. Gewalt hat keinen Platz in einer fortschrittlichen Gesellschaft, in der die Rechte von Kindern anerkannt werden. Wir brauchen positive Modelle der Elternschaft und ganz konkrete Lösungen, wie sie uns die Kampagne der Stiftung Kinderschutz Schweiz vorschlägt.
Paola Riva Gapany
Mutter von zwei Jugendlichen im Alter von 12 und 13 Jahren, Direktorin Institut international des Droits de l’Enfant, Mitglied des Stiftungsrates Kinderschutz Schweiz
Emotionale Sicherheit ist wichtig für Erfolg und Leistungsfähigkeit in praktisch allen Lebensbereichen. Einer der wichtigsten Schlüssel dazu sind vertrauensvolle Beziehungen in der Familie. Sowohl körperliche als auch psychische Gewalt steht dem im Weg: sie lehrt unseren Kindern die falschen Lektionen!
Prof. Dr. Dominik Schöbi
Universität Fribourg. Psychologe und Vater dreier Kinder zwischen 6 und 13 Jahren.
Wir tragen die Verantwortung, wie wir angemessen auf Situationen reagieren» Wir alle haben eine Erziehung genossen. Auch unsere Eltern haben für uns ihr Bestes gegeben. Nun tragen wir diese Verantwortung – bewusst oder unbewusst – und dürfen selbst entscheiden, was wir dem eigenen Nachwuchs weiter geben. Sein eigenes Verhalten dabei in Frage zu stellen, öffnet Tür und Tor für die eigene Weiterentwicklung und ist der Anfang einer wunderbaren Arbeit. Die Arbeit an den Beziehungen. Allen voran: Zum Kind, zur Partnerin und zu sich selbst. Es lohnt sich! Wir haben immer die Wahl uns für den Frieden zu entscheiden und können auch nur uns selbst ändern. Situationen entstehen einfach, wir geben ihnen eine Bedeutung und tragen die Verantwortung, wie wir darauf angemessen reagieren
Patrick Linner
Grafik Designer und Vater einer 4-jährigen Tochter
Als ehemals alleinerziehende und berufstätige Mutter zweier, mittlerweile erwachsenen Töchter, liegt mir das Thema Erziehung besonders am Herzen. Auch ich bin im Alltag oft an meine Grenzen gestossen und kenne die täglichen Herausforderungen von Eltern nur zu gut. In schwierigen Zeiten hat mir geholfen, mich viel zu bewegen. Mit oder ohne Kinder an die frische Luft, so verrauchte mein Frust meist ganz schnell. Bewegung baut Stress ab und eine veränderte Umgebung hilft, sich zu beruhigen.
Yvonne Feri
Nationalrätin, Präsidentin Stiftungsrat Kinderschutz Schweiz
Meine Vision ist, dass immer mehr Menschen verstehen, dass Gewalt ein völlig untaugliches Erziehungsinstrument ist, da Kinder in erster Linie viel Fürsorge, stabile und verlässliche Beziehungen und gute Vorbilder brauchen.
Dr. med. Markus Wopmann
Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche, Kantonsspital Baden
shopping_cart
Zum Warenkorb
0