Fallbeispiel «Loverboy»

Dieses Beispiel stellt die Anwerbungsmethode von Kinderhändlerinnen und -händlern des Vortäuschen einer Liebesbeziehung (auch Loverboy genannt) dar.

Die 15-jährige Nina hält sich immer seltener zu Hause auf und verbringt mehr und mehr Zeit bei ihrem neuen «Freund» oder ist am Chatten. In der Schule fehlt sie häufig und sondert sich zusehends von den andern ab. Wenn sie nicht unterwegs ist, verbringt sie die meiste Zeit in ihrem Zimmer und reagiert gereizt auf die Fragen ihrer Eltern, zum Beispiel danach, wo sie gewesen sei, wer ihr Freund sei und woher sie das neue Handy und die neuen Kleider habe. Auch ihr Äusseres hat sich auffallend verändert. Die Mutter wendet sich an die Meldestelle von ACT212. Dabei stellt sich heraus, dass die Familie vor Kurzem umgezogen ist. Nina leidet sehr darunter, dass sie ihre alten Freunde nicht mehr sehen kann. Sie verbringt viel Zeit mit den sozialen Medien, über die sie ihren neuen «Freund» kennengelernt hat. Die Mutter weiss fast nichts über ihn und auch nicht, wo Nina hingeht, wenn sie unterwegs ist. Sie kommt kaum mehr an ihre Tochter heran. Die Meldestelle von ACT212 rät ihr, den Kontakt zu ihrer Tochter unbedingt positiv aufrechtzuerhalten und gibt ihr die Adresse einer Opferberatungsstelle für Kinder und Jugendliche, die auf die Thematik Loverboy geschult ist. Ein paar Wochen später ruft die Mutter wieder bei der Meldestelle an und erzählt, dass sich der Verdacht auf die Loverboy-Masche erhärte: Nina sei vermutlich von ihrem Freund vergewaltigt worden. Sie sei mit blauen Flecken nach Hause gekommen, habe aber nicht darüber sprechen wollen. Was die Eltern zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Der Loverboy hat Nina von seiner finanziellen Not erzählt und sie gebeten, mit seinem «Freund» zu schlafen, um das Problem zu lösen. Er sprach von einem Liebesbeweis für ihn. Zögerlich willigte Nina ein. Sie liebte ihren Freund über alles und wollte ihn nicht verlieren. Der «Freund» des Loverboy war der erste bezahlende Freier. Von da an wurde Nina in der Prostitution verkauft. Das Geld musste sie dem Loverboy abgeben. Er versprach ihr, dass sie damit eine gemeinsame Zukunft aufbauen würden. Nina glaubte ihm, auch wenn sie sich nicht wohlfühlte. Es brauchte ein paar Wochen, bis sie den Eltern schliesslich erzählte, was wirklich geschehen war.   Nina und ihre Eltern wurden an eine Opferanwältin vermittelt, und sie nahmen nun die Hilfe der Opferberatungsstelle für Kinder und Jugendliche in Anspruch. Sowohl Nina wie auch ihre Eltern begaben sich in eine Therapie. Als Nina bereit war, gegen den Täter auszusagen, begleitete die Opferberatungsstelle die Familie im Strafverfahren.

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