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Aus dem Erziehungsalltag: Als Väter begleiten wir selten nur ein Kind.

Wenn mein Sohn aufwacht, möchte er meistens zu seiner Mutter. Als Vater komme ich in sein Zimmer, wenn Mama gerade im Bad ist. Er weint. Ich biete ihm meine Zuneigung an, meine Stimme, mein Herz. Doch er lehnt ab: «Papa nicht kommen! Will Mama!» Dann sackt etwas in mir zusammen.

In solchen Situationen denke ich schnell, dass ich als Vater irgendetwas falsch gemacht habe. Dass ich etwas ändern muss. Dass das, was ich anbiete, nicht genug ist. Ich erinnere mich an weitere Momente, in denen mein Sohn lieber seine Mutter will. Momente, in denen ich mich anbiete – und dann ein «Nein» bekomme. Oft habe ich in diesen Momenten den Impuls, mich zurückziehen, mich nicht mehr anzubieten. Manchmal ist in diesem Impuls auch Wut: «Dann verpisse ich mich halt, macht es einfach alleine!»

Immer öfter gelingt es mir, in diesen Momenten tief einzuatmen. Zu verlangsamen. Die innere Hitze zu spüren. Die enge Scham. Die schäumende Wut. Nach und nach schaffe ich so mehr Platz für diese Gefühle in mir. Ich entspanne mich. Was dann folgt, ist oft eine aufsteigende Welle von Trauer. Wenn ich sie nicht unterdrücke, sondern spüre, führt sie mich immer wieder an denselben Ort: An einen Ort der Sehnsucht, wo ich spüre, dass ich angenommen bin, so wie ich bin. Wo meine Impulse geschätzt werden und ankommen.​

Mir wird bewusst, dass ich in diesem Moment zwei Kinder begleiten darf: Zunächst, ganz offensichtlich, meinen Sohn. Und gleichzeitig auch eine jüngere Bewegung in mir selbst. Einen jungen Stefan, der in seinem Aufwachsen an verschiedenen Stellen nicht die Botschaft bekommen hat, genug zu sein, genau so wie er ist.​

Erst dann kann ich verstehen, dass es nicht die Reaktion meines Sohnes ist, aus der mein Frust, meine Wut und meine Scham entspringen. Sein Verhalten ist einfach nur der Auslöser. Es reaktiviert etwas, das bereits in mir existiert: Ein alter Schmerz, nicht zu genügen. Diesen Schmerz kenne ich auch an anderen Stellen in meinem Leben. Zum Beispiel, wenn ich mich mit Männern vergleiche und «feststelle», dass ich weniger kompetent, weniger attraktiv oder weniger bewusst bin.

Was hier aber tatsächlich geschieht, ist, dass etwas in mir nach meiner Zuwendung ruft. Dass ich für mich selbst zu dem Erwachsenen werde, den ich mir in meinem Aufwachsen so sehr gewünscht habe. Derjenige Vater, der mir sagt und zeigt, dass all meine Gefühle und mein Erleben willkommen sind. Dass ich wundervoll bin, egal was in mir auftaucht.

Je mehr ich dieser Vater für mich selbst bin, desto tiefer kann sich mein jüngeres Ich in mir entspannen. Dann erlebe ich innerlich ein Gefühl von Weite in Situationen, in denen ich scheinbar von meinem Sohn «abgelehnt» werde. Dann kann ich spüren und mitverfolgen, was in mir hochkocht – UND gleichzeitig meinen Sohn darin begleiten, dass für ihn etwas unangenehm ist an der aktuellen Situation. Dass er sich vielleicht nach Geborgenheit sehnt, und dass Mama einfach gerade der beste Weg ist, um genau das zu bekommen.

Ich muss mich weder «aufdrängen», um zu beweisen, dass Papa das auch kann. Noch muss ich mich zurückziehen, «weil ich es eh nicht kann». Stattdessen bemerke ich diese Bewegungen in mir, ohne dass ich danach handle.

Sich unserem Innenleben zu widmen, statt «etwas Falsches» im Kind zu suchen: eine neue Sichtweise! ​

In jeder Situation, in der wir innere Anspannung erleben – Scham, Genervt sein, Überforderung – wird etwas aus unserer Vergangenheit lebendig. Eine jüngere Bewegung, die sich nach etwas sehnt, das sie damals nicht bekommen hat. Die genauso nach unserer liebevollen Aufmerksamkeit verlangt wie unsere Kinder im Aussen.​

Wenn wir beginnen, uns solchem Innenleben zu widmen, dann öffnen wir die Türe für eine ganz neue Sichtweise: Weg von vorschnellen Lösungen oder impulsivem Handeln. Weg von der Idee, dass es daran liegt, dass mit unseren Kindern etwas nicht stimmt. Hin zu Selbstkenntnis und einem kraftvollen Selbstkontakt, indem wir willkommen heissen, was in uns auftaucht. «Sogar» diejenige Stimme, die glaubt, dass etwas falsch ist mit uns.

Erst dann können wir wirklich mit unseren Kindern im Hier und Jetzt in Kontakt treten – ohne dass sich die Linse unserer Vergangenheit dazwischenschiebt.

Damit begegnen wir einer der tiefsten Sehnsüchte unserer Kinder: Dass wir sie sehen, hören und fühlen in ihrem ureigenen Dasein.

Autor: Stefan Häfner, Vater, Trainer, Mediator und Coach; B.Sc. Psychologie; bietet Einzelbegleitungen sowie Workshops für Männer & Väter an.

 

Kontakt:

Stefan Häfner

Allensbach bei Konstanz
info@stefanhaefner.com

Website Väterarbeit: www.vaterbewusstsein.net

Website Veranstaltungsbegleitung für Bildungseinrichtungen, Social Businesses: www.stefanhaefner.com

Präventionsangebote & Kurse

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Engagement Kinderschutz Schweiz

Kinderschutz Schweiz benennt die Missachtung der Rechte der Kinder und fordert die konsequente Umsetzung der UNO-KRK in der Schweiz. Die Stiftung bringt sich in Debatten ein, wird zum Schutz der Kinder aktiv und fordert von den politisch Verantwortlichen kinder- und familienfreundliche Strukturen.

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