Gewalt in der Erziehung

Für eine gesunde und dem kindlichen Potenzial entsprechende Entwicklung brauchen Kinder beständige, liebevolle Beziehungen. Sie sind angewiesen auf erwachsene Bezugspersonen, die ihre Würde wahren und sie in ihrer Persönlichkeit respektieren. Kinder brauchen Freiraum, um etwas ausprobieren und sich entfalten zu können – und gleichzeitig benötigen sie Grenzen, die ihnen Halt, Sicherheit und Orientierung geben. Konsequent zu bleiben, sich auch gegen die Wünsche des Kindes zu stellen, als Eltern die eigenen Werte und Grenzen durchzusetzen und dabei gleichzeitig auch die Grenzen und die Würde des Kindes zu respektieren – das ist die tägliche Herausforderung der Erziehung. Gewalt in der Erziehung findet genau dort statt, wo dieser Balanceakt misslingt und Erziehungssituationen eskalieren.

Kinder haben Rechte

Die Schweiz hat 1997 die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet. Diese legt völkerrechtlich verbindliche Mindeststandards zum Wohle von Kindern bis 18 Jahre fest. Mit der Unterzeichnung hat sich die Schweiz verpflichtet, Kinder mit gesetzlichen und sonstigen Massnahmen zu schützen. Kinder sollen gesund und sicher aufwachsen, in ihrer Entwicklung gefördert und vor Diskriminierung geschützt werden. Entscheide, die das Kind betreffen, müssen in seinem besten Interesse gefällt sein. In Belangen, die sie selbst betreffen, dürfen Kinder mitreden.

Die Konvention ist ein Teil der schweizerischen Rechtsordnung. Das heisst: Der Staat verpflichtet sich, die Familien bei ihren Erziehungsaufgaben zu unterstützen – mit entsprechenden Gesetzen und Unterstützungsangeboten. In der schweizerischen Gesetzgebung ist das Recht des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung bis heute nur ungenügend umgesetzt. Dies führt immer wieder dazu, dass die Schweiz von internationalen Gremien wie dem UN-Kinderrechtsausschuss gerügt wird.

Leider greifen auch in der Schweiz viele Eltern in herausfordernden Erziehungssituationen regelmässig auf unangemessene psychische oder physische Bestrafungen zurück. Gewalt in der Erziehung ist in der Schweiz noch immer ein weit verbreitetes gesellschaftliches Problem. Sie reicht von Ablehnung und Demütigung über Ohrfeigen und Prügelstrafen bis hin zu Vernachlässigung und sexualisierter Gewalt. Auslöser ist dabei in vielen Fällen eine Überforderung der Bezugspersonen des Kindes; auch Unwissen über die kindlichen Bedürfnisse und die kindliche Entwicklung spielt meist eine grosse Rolle.

Kindliche Grundbedürfnisse

Kinder müssen in verlässlichen, von Vertrauen geprägten Beziehungen aufwachsen, um stark und unabhängig zu werden. Für eine gesunde und dem kindlichen Potenzial entsprechende Entwicklung brauchen sie beständige, liebevolle Beziehungen. Sie sind angewiesen auf erwachsene Bezugspersonen, die ihre Würde wahren und sie in ihrer Persönlichkeit respektieren. Kinder brauchen Freiraum, um etwas ausprobieren und sich entfalten zu können – und gleichzeitig benötigen sie Grenzen, die ihnen Halt, Sicherheit und Orientierung geben.

Eltern können viel dafür tun, den kindlichen Bedürfnissen zu entsprechen und gleichzeitig den Familienalltag angenehmer zu gestalten. Sie können unter anderem glaubhafte Vorbilder sein, denn Kinder nehmen sich am Verhalten der Eltern ein Beispiel. Sie können Klarheit schaffen, indem sie Regeln und Grenzen konkret formulieren und konsequent auf deren Einhaltung bestehen. Sie können positive Aspekte des kindlichen Verhaltens in den Vordergrund rücken und die Kinder dadurch in ihren (positiven) Absichten und ihrem Handeln bestätigen und bestärken.

Psychische und physische Gewalt, sexualisierte Gewalt sowie Vernachlässigung beeinträchtigen die kindliche Entwicklung massiv und haben schwerwiegende Folgen. Damit Kinder sich gesund und ihrem Potenzial entsprechend entwickeln können, müssen die grundlegenden kindlichen Bedürfnisse auf angemessene Weise befriedigt werden.

Durchatmen und bis zehn zählen – Handlungsalternativen

Mamis und Papis sind sich der kindlichen Bedürfnisse im Allgemeinen sehr bewusst. In konkreten Situationen im mitunter hektischen Familienalltag fehlt ihnen aber manchmal die nötige Zeit und Gelassenheit, um in angemessener Weise zu reagieren. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit den eigenen Erziehungsvorstellungen und den damit verbundenen Erwartungen an die Kinder kann helfen, im Erziehungsalltag gelassener zu bleiben und auch in schwierigen Situationen adäquat zu handeln. Das Kennenlernen von Handlungsalternativen, die einen positiven, gewaltfreien und partizipativen Erziehungsstil unterstützen, ist für viele Eltern hilfreich.