20 Jahre UNO-Kinderrechtskonvention in der Schweiz: Zum Beispiel das Recht auf Schutz vor Gewalt

Vor 20 Jahren hat die Schweiz die UNO-Kinderrechtskonvention unterzeichnet. Sie ist ein rechtlich bindendes Instrument und definiert Kinder als eigenständige Rechtsträger. Darin enthalten sind allgemeine Menschenrechte, wie etwa das Recht auf Bildung und Gesundheit, aber auch spezifische Rechte zum besonderen Schutz, zur Förderung und Mitwirkung von Kindern. Was hat die Konvention in der Schweiz bewirkt? Wo steht die Schweiz in der Umsetzung dieser Rechte? Kinderschutz Schweiz zeigt von Februar bis November jeden Monat anhand eines Themas auf, wie Kinderrechte in der Schweiz verankert sind und stellt vor, was wir dazu tun. Im November: Kinder als Betroffene von Partnerschaftsgewalt und das Recht auf Schutz vor jeder Art von Gewalt.

Das Miterleben von Partnerschaftsgewalt ist eine Menschenrechtsverletzung

In der UNO-Kinderrechtskonvention ist in Artikel 19 festgehalten, dass Kinder das Recht auf Schutz vor jeder Art von Gewalt haben. Dies umfasst körperliche und psychische Gewaltanwendung, Schadenzufügung oder Misshandlung, Verwahrlosung oder Vernachlässigung, schlechte Behandlung oder Ausbeutung einschliesslich sexuellem Missbrauch. Die detaillierte Auslegung und Erläuterung des Rechts auf Schutz vor jeder Art von Gewalt hat der Kinderrechtsausschuss in seiner allgemeinen Bemerkung Nr. 13 erarbeitet. Darin ist unter anderem festgehalten, dass zur psychischen Gewalt Drohen, Beschimpfen, Blossstellen, Demütigen, Verachten, Abwerten, Isolieren oder Ignorieren gehört. Explizit als Form von psychischer Gewalt beziehungsweise emotionaler Verwahrlosung wird auch das Miterleben von Partnerschaftsgewalt und das Instrumentalisieren von Kindern und Jugendlichen in eskalierenden Elternkonflikten anerkannt.

Wenn Kinder nicht ausreichend vor häuslicher Gewalt geschützt sind, werden auch andere Rechte untergraben: So kann beispielsweise das Kindeswohl gefährdet sein (Artikel 3), das Recht auf optimale Entwicklung (Artikel 6) und auf Mitwirkung (Artikel 12) beeinträchtigt sein, ihre Gesundheit gefährdet (Artikel 24) sowie ihr Recht auf Bildung (Artikel 28) in Frage gestellt sein. Umgekehrt können Eltern in Situationen von Partnerschaftsgewalt ihren elterlichen Pflichten und ihrer Verantwortung für das Kindswohl nicht mehr vollständig nachkommen und gerecht werden (Artikel 5, 18, 27). Die Tatsache, dass Kinder von Partnerschaftsgewalt betroffen sind, kommt demnach einer Rechtsverletzung und einer Missachtung grundlegender Menschenrechte gleich.

Kinder sind von Partnerschaftsgewalt in jedem Fall betroffen

Die Kinder sind von der Gewalt zuhause immer betroffen, auch dann, wenn sie die Gewalt nicht direkt mitansehen, sondern «nur» mitanhören oder die Auswirkungen der Gewalt bei den Eltern wahrnehmen. Zudem zeigen Studien auf, dass Partnerschaftsgewalt oft einhergeht mit direkter Gewalt gegenüber dem Kind. Neben der grossen psychischen Belastung kann es zusätzlich zu emotionaler und körperlicher Vernachlässigung kommen, weil die Eltern von den Gewaltkonflikten absorbiert sind.

Das Miterleben der Gewalt zwischen den Eltern kann zu Auffälligkeiten bei betroffenen Kindern führen. Bei Säuglingen und Kleinkindern kann sich das beispielsweise in vermindertem Spielverhalten, in Unruhe oder in häufigem Weinen ausdrücken, Vorschul- und Schulkinder leiden zum Beispiel unter verminderter Konzentration oder depressiven Verstimmungen. Bei Jugendlichen kommen beispielsweise Selbstverletzungen, Suizidalität, Suchtverhalten, Isolation oder Gesetzesüberschreitungen dazu.

Von Partnerschaftsgewalt betroffene Kinder und Jugendliche haben auch häufiger psychische, psychosomatische und körperliche Symptome. So leiden betroffene Säuglinge und Kleinkinder vermehrt unter Fütterproblemen, exzessivem Schreien und Ängsten, bei Vorschul-, Schulkindern und Jugendlichen können unter anderem Gefühle der Wertlosigkeit und Leere, Bauch- und Kopfschmerzen, Ängste oder Schlafstörungen dazukommen.

Wenn die Gewalterfahrungen in der Kindheit nicht genügend verarbeitet werden können, geraten die Kinder als Erwachsene nicht selten wieder in ähnliche Muster der Gewalt.

Die Folgen der Gewalt sind umso gravierender, je länger sie andauert.

Kinderschutz Schweiz lanciert eine audiovisuelle Themenmappe zur Sensibilisierung und Wissensvermittlung

Kinderschutz Schweiz bearbeitet das Thema «Kinder im Kontext Häuslicher Gewalt» als Schwerpunkt. Die Stiftung leistet mit verschiedenen Aktivitäten und Angeboten einen Beitrag, zur Sensibilisierung und Bildung von Fachleuten und der breiten Öffentlichkeit: Im November 2017 widmet sich eine nationale Tagung dem Thema „Kinder in familiären Belastungssituationen“ aus verschiedenen Perspektiven. Anlässlich des Internationalen Tages der Kinderrechte am 20. November lanciert Kinderschutz Schweiz ab Ende Monat unter dem Titel „Es soll aufhören!“ vielfältige Materialien vereint in einer Themenmappe. Das neue Angebot richtet sich an eine breite Zielgruppe von Personen aus dem privaten und professionellen Umfeld von Kindern und Jugendlichen. Es soll der Sensibilisierung für das Phänomen dienen, emotional berühren, betroffen machen, zum Denken und zu Auseinandersetzungen anregen, aber auch Wissen über Zusammenhänge und Folgen von Partnerschaftsgewalt für Kinder- und Jugendliche vermitteln und über mögliche Anlaufstellen für betroffene Kinder und ihre Familien informieren.

Die Materialien können online kostenlos bezogen und in der Aus- und Weiterbildung verschiedener Berufsgruppen eingesetzt werden. Fachpersonen in Schlüsselfunktionen und politische Entscheidungsträger sollen ermutigt werden, sich Gedanken zu machen, auf welche Weise Kinder und Jugendliche, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind, in ihrer Region aktuell unterstützt und/oder wie die Unterstützung betroffener Kinder regional verbessert werden kann.


Trailer Audiovisuelle Themenmappe «Es soll aufhören!»