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Aus dem Erziehungsalltag: Kinder orientieren sich an unserem Tun.

Ich werde nicht vergessen, wie erschrocken ich war, als ich meiner 3-jährigen Tochter, die auf der Schaukel sass, voller Begeisterung zuwinkte und sie mir ebenso begeistert zurückwinkte - und plumps… hinterrücks runterfiel!

Dies ist nur eines der Beispiele, wie gut Vorbild funktioniert. Ich sehe es auch in meinen Eltern-Kind-Turnlektionen: Wenn ich den Kindern erkläre, wie sie unter der Bank hindurchkriechen sollen, schauen sie mich fragend an. Lege ich mich jedoch selbst auf den Bauch und krieche unter der Bank durch - sieh an, alle legen sich auf den Bauch und kriechen unter der Bank durch! Wir Erwachsenen glauben, durch Sprache (Anweisungen, Ratschläge usw.) hätten wir am meisten Einfluss. Das Gegenteil ist der Fall!
Im Kurs Starke Eltern – Starke Kinder® wird den Eltern mit Hilfe einer Pyramide veranschaulicht, wie wir unseren Kindern am effektivsten weitergeben können, was uns wichtig ist. Die Pyramide zeigt, dass wir durch unser Vorbild und über unsere Beziehung zum Kind viel mehr Einfluss nehmen können als durch Sprache.

Pyramide der Einflussnahme
Pyramide der Einflussnahme


Ein Beispiel:

Wert (was mir wichtig ist): Mir ist wichtig, dass mein Kind bei Rot nicht über die Strasse läuft.

Sprache (was und wie ich etwas sage / was das Kind hört): Ich sage meinem Kind, dass es nicht bei Rot über die Strasse gehen darf. Ich sage es laut, leise, nebenbei, vor der Situation, nach der Situation, mal vorwurfsvoll, mal erklärend…

Beziehung (wieviel ich verstehe und mich kümmere / was das Kind fühlt): Ich weiss, wie alt mein Kind ist; wie ich mit ihm kindgerecht sprechen kann, damit es mich versteht; wie häufig wir diese Situation schon miteinander geübt haben; wie leicht es ihm fällt, zu befolgen - dementsprechend nehme ich es vielleicht (zu seinem Schutz ) zusätzlich an der Hand und vertraue nicht blind darauf, dass es einfach tut, was ich ihm sage. All dies sagt etwas aus über meine Beziehung zum Kind. Wenn ich seine Eigenheiten kenne und das Kind mir vertraut, folgt es auch eher meiner Anweisung. Vertrauen heisst hier: Wenn das Kind glaubt und erfahren hat, dass meine Aussagen durchaus Sinn machen und wohlwollend gemeint sind.

Vorbild (wie ich im Allgemeinen bin / was das Kind sieht): Achte ich selber auf die Verkehrsregeln oder nur wenn das Kind dabei ist? Halte ich mich grundsätzlich an Regeln, auch wenn sie unbequem sind? Akzeptiere ich, wenn mir jemand «Stopp» sagt?

Es gilt: Am glaubwürdigsten sind wir dann, wenn unser Verhalten mit dem, was wir sagen, übereinstimmt. Und es gilt auch: Wenn das, was wir sagen und das, was wir tun, nicht überreinstimmen, wird sich das Kind an unserem Tun orientieren. Zum Nachdenken: Beides gilt im Übrigen auch unter Erwachsenen in hohem Masse.

Kinder brauchen Vorbilder.

Und wir selbst sollen solche Vorbilder sein – wie soll denn das gehen? Es ist vollkommen unrealistisch, immer und jederzeit ein «gutes Vorbild» sein zu wollen. Und doch können wir uns bewusst sein und werden: Ja, ich bin ein Vorbild, jederzeit, im Guten wie im Schlechten. Ich bin ein Vorbild in meiner Art, wie ich kommuniziere, wie ich mit meinen Gefühlen und denen der anderen umgehe. Ich bin auch ein Vorbild, wie geliebt wird, wie gestritten wird, wie ich mit Frauen oder Männern umgehe, wie ich mit der Natur umgehe, wie ich mit meinem Körper umgehe.

Dieses Bewusstwerden hilft mir beim Umgang mit meinen Kindern. Es weckt Verständnis für gewisse Verhaltensweisen der Kinder. Vielleicht beschämt es mich manchmal auch, wenn ich mich selber wiedererkenne. Aber auch wenn es ein unangenehmer Spiegel ist, sind wir herausgefordert, die Verantwortung für unsere Vorbildfunktion zu übernehmen.

Niemand ist perfekt.

Es gibt Situationen, in denen ich mein Verhalten weniger gut steuern kann: So brause ich zum Beispiel immer noch gelegentlich auf und werde laut. Und auch hier kann ich ein Vorbild sein! In der Art und Weise, wie ich mit meinen Fehlern und Schwächen umgehe, z.B. indem ich mit dem Kind das Gespräch suche, sobald sich die Situation beruhigt hat. Mich erkläre und entschuldige.

Mir persönlich hilft es sehr, zu wissen, dass ich als Mutter nicht perfekt sein muss. Im Gegenteil: wo sonst soll mein Kind lernen, wie es mit seinen Schwächen umgehen soll - über die es sich vielleicht selbst ärgert - wenn nicht zuhause? Dort, wo man sich geliebt weiss, geborgen ist, dort wird es möglich, zu seinen Fehlern auch zu stehen.

Vorbild ist besser als Worte.

Dieses Motto gefällt mir besonders gut, weil es in seiner Kürze so vieles umfasst, was mir in der anleitenden Erziehung wichtig ist: Ich muss mir überlegen, welche Werte mir wichtig sind und wie ich diese vermitteln kann. Wenn mir bewusst ist, dass ich anhand meines «vorbildlichen» Lebens meine Kinder präge, dann folgt automatisch das Nachdenken über meine Werte und das Hinterfragen meiner Kommunikationsart und meines Umgangs mit Gefühlen und Bedürfnissen von mir und anderen.