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Aus dem Erziehungsalltag: Entfaltung durch Beziehung

Das Buch «Entfaltung durch Beziehung – Wie Erziehung gelingt» wurde von Kursleiterin Barbara Frischknecht-Schoop geschrieben. Das Buch erschliesst neue Wege für den Aufbau und die Pflege tragfähiger Beziehungen und zeigt auf, wie Erziehung im Spannungsfeld zwischen Schule und Elternhaus gelingen kann. Die Autorin erklärt, wie Kinder in ihrer Entwicklung zu gesunden, verantwortungsvollen und warmherzigen Menschen begleitet werden können. Dazu verbindet sie ihre langjährigen Erfahrungen als Mutter, Lehrerin und Beraterin mit aktuellen Forschungsergebnissen. Im Interview berichtet die Autorin über die Hauptaussagen des Buches und die Gemeinsamkeiten mit «Starke Eltern – Starke Kinder®».

Was sind die Gemeinsamkeiten zwischen der Haltung, die dein Buch vermittelt und der Haltung von «Starke Eltern - Starke Kinder®»? 

Wir haben ein gemeinsames Ziel – nämlich wieder mehr Freude, Leichtigkeit und Sicherheit in die Familien zu bringen. Kinder erziehen heisst, sie liebevoll zu leiten und zu begleiten. Der Kurs wie auch mein Buch verbinden theoretische Inputs mit vielen konkreten Beispielen, Bildern und Metaphern und somit werden Bezugspersonen von Kindern sowohl über die Ebene des Kopfes wie auch des Herzens angesprochen. Diese Verbindung braucht es, wenn wir Kinder begleiten wollen! Ich verzichte ebenfalls auf Patentrezepte und zeige Handlungsalternativen auf, mit deren Hilfe die Eltern und Lehrpersonen in verfahrenen und eskalierenden Situationen anders reagieren können. Ich wünsche mir ebenso wie Kinderschutz Schweiz, dass Kinder in einer Welt aufwachsen dürfen, in der sie geschützt und gefördert werden und sich frei entfalten dürfen. Dies ist möglich! «Starke Eltern – Starke Kinder®» wie auch mein Buch zeigen konkrete Wege dazu auf.  

Wie unterscheidet sich dein neu erschienenes Buch von anderen Erziehungsratgebern?

Ich trete mit meinen Leserinnen und Lesern in Kontakt und möchte Sie berühren – denn Bezugspersonen von Kindern können nicht nur aus dem Kopf heraus erziehen – die Begleitung von Kindern muss auch aus dem Herzen kommen. Der konzentrierte Mix aus Erfahrung, Wissen, Erlebnissen, Zitaten, einprägenden Bildern und Grafiken stellen die Thematik sehr bildhaft und einleuchtend dar. Das Buch ist leicht zu lesen. Ausserdem ermutigen viele Beispiele, das Gelesene umzusetzen!

«Die meisten Eltern wissen, dass diese Sanktionen oft für kurze Zeit wirken und dann das Mass an Bestrafung/Belohnung gesteigert werden muss, damit sie funktionieren.»


Mir gefallen die verschiedenen Themen wie zum Beispiel «Grenzen setzen, Umgang mit Wut, Kinder stärken, Umgang mit Konflikten, Mobbing» und so weiter. Am neugierigsten macht mich deine Aussage, dass es möglich ist, ohne Belohnung oder Bestrafung zu erziehen.

Die meisten Eltern wissen, dass diese Sanktionen oft für kurze Zeit wirken und dann das Mass an Bestrafung/Belohnung gesteigert werden muss, damit sie funktionieren.
Ich gehe einen anderen Weg: Ich erwarte von meinen Kindern Respekt vor meinen persönlichen Grenzen und ich möchte, dass sie mich ernst nehmen und nicht dass sie gehorchen, weil sie Angst vor einer Strafe haben. Das bedeutet, dass ich in engen Kontakt zu meinen Kindern gehen muss, wenn etwas nicht klappt, um gemeinsam herauszufinden, was so schwierig ist, mich ernst zu nehmen.
Dies ist übrigens ein gegenseitiger Prozess. Ich nehme meine Kinder und ihre Bedürfnisse ebenso ernst, wie die von anderen erwachsenen Mitmenschen.
In meinem Buch zeige ich unter anderem verschiedene Wege auf, wie Erziehung ohne Strafe/Belohnung gelingen kann.

Wie kann mein Kind lernen, mit Enttäuschung, Wut, Trauer und anderen negativen Gefühlen umzugehen?

Erstens ist es wichtig, dass Kinder diese Gefühle wirklich durchleben dürfen. Sie gehören zum Leben! Erst wenn sie diese starken Gefühle fühlen dürfen, können sie auch lernen, mit ihnen umzugehen. Dazu brauchen Kinder aber die empathische Begleitung ihrer Bezugspersonen.

Welche Grundprinzipien gilt es zu beachten, um eine starke Beziehung zu seinem Kind aufbauen zu können?

Erziehung kann nur durch Beziehung funktionieren. Eltern sollen mit Authentizität und Respekt anleiten und die Kinder mit Gleichwürdigkeit begleiten. Ich verwende dazu ein Modell, das aufzeigt, wie Beziehungskompetenz gelebt werden kann. Es basiert auf zwei Säulen: der Führung und der Gleichwürdigkeit. Wie diese Werte zusammenspielen können, ohne dass wir wieder in der alten autoritären oder Laissez-faire-Erziehung «landen», zeige ich in meinem Buch auf. Dieses Modell ist der Schlüssel für gelingende Erziehung.

«Viele Eltern haben Angst davor, sich durch ein «Nein» unbeliebt zu machen.»


Nach einem «Nein» wird es oft laut und ungemütlich. Es entsteht ein Konflikt, da das Kind auf Widerstand stösst. Konflikte sind jedoch nicht schlecht! Durch sie entsteht nämlich auch Wärme: zwar nicht «Schmelzwärme» dafür «Reibungswärme». Die ist auch wunderbar!
Viele Eltern haben Angst davor, sich durch ein «Nein» unbeliebt zu machen. Es stellt sich hier einfach die Frage, ob ich als Mutter oder Vater mein Kind lieben will oder ob ich meiner selbst Willen geliebt werden will. Wir Eltern haben eine grosse Verantwortung unserem Kind gegenüber – wir sind nicht die besten Freunde unseres Kindes. Es ist manchmal wirklich schwer auszuhalten, die «doofste Mutter der Welt» zu sein. Doch ich weiss mittlerweile, dass dies schnell vorbei geht …

Bei welchen Themen sollten Eltern besonders aufmerksam sein?

Es gibt viele Gefahren, denen sich unsere Kinder stellen müssen. Das Wichtigste ist, dass wir als Eltern darauf achten, das Selbstwertgefühl des Kindes zu stärken. Ein gesundes Selbstwertgefühl ist der beste Schutz und es hilft ihm, sich abzugrenzen: was will ich, was nicht, wo mache ich mit, wo sage ich nein…?
Das Kind muss auch erfahren, dass sein «Nein» ernst genommen werden muss. Wo hat es das gelernt? Bei uns Eltern! Inklusive der Fähigkeit damit umgehen zu können, dass durch das «Nein» ein Konflikt entstehen kann, wenn andere Menschen uns nicht achten.

«Beziehung kommt vor Erziehung – ohne Beziehung können wir schlicht und einfach nicht erziehen.»


Wie passt das Motto «Verändere zuerst dein Verhalten - erwarte nicht, dass der andere den ersten Schritt macht» von «Starke Eltern - Starke Kinder®» zu deinem Buch und weshalb?

Die Beziehungskompetenz der erwachsenen Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen ist ein zentraler Punkt meines Buches. Beziehung kommt vor Erziehung – ohne Beziehung können wir schlicht und einfach nicht erziehen. Die Verantwortung für die Qualität der Beziehung liegt jedoch bei uns Erwachsenen. Das bedeutet, dass auch wir immer den ersten Schritt machen müssen, wenn wir eine Veränderung wünschen. Wenn ich mit Kindern Probleme habe, macht es Sinn, dass ich zuerst bei mir selber schaue, was mein Anteil daran sein könnte: Bin ich überhaupt präsent und nehme mein Kind noch wahr? Mache ich aus einer Mücke einen Elefanten und verstärke dadurch das Problem? Fehlt mir das Vertrauen in mich oder in mein Kind? Erst wenn ich den Blick auf mich gerichtet habe, gelingt es mir auch, authentisch in Kontakt zum Kind zu gehen und das Problem gemeinsam anzugehen.

Vielen Dank für das Interview!