«Wenn es mir zu viel wird, atme ich erst einmal tief durch!»


Bern, 8. April 2019 – Die Stiftung Kinderschutz Schweiz lanciert zum Thema Erziehung die zweite Welle der mehrjährigen schweizweiten Sensibilisierungskampagne «Starke Ideen – Es gibt immer eine Alternative zur Gewalt», die auf psychische und physische Gewalt in der Erziehung aufmerksam macht. Nicht immer will der Nachwuchs so, wie man es sich selbst wünscht: Es wird diskutiert, verweigert und geschrien. Physische und psychische Gewalt in der Erziehung ist in der Schweiz in vielen Familien Alltagsrealität. Nachdem zuerst Kinder ihre Erfahrungen mit Gewalt in der Erziehung aus ihrer Sicht geschildert haben, wird nun die Perspektive von den Eltern und Grosseltern eingenommen.

In der kurzen Filmdokumentation der zweiten Welle der Kampagne «Starke Ideen – Es gibt immer eine Alternative zur Gewalt» erzählen Eltern und Grosseltern, wie sie in der Vergangenheit reagiert haben, wenn es im Alltag mit Kindern zu nervenaufreibenden Erziehungssituationen kam. Es wird schnell klar, dass auch heute noch viele Eltern in stressigen Situationen regelmässig auf unangemessene psychische oder physische Bestrafungen als Erziehungsmittel zurückgreifen. Die Zahlen der aktuellen Studie der Universität Fribourg im Auftrag von Kinderschutz Schweiz belegen, dass in der Schweiz jedes zweite Kind psychische und/oder physische Gewalt in der Erziehung erlebt. Der Klaps auf den Po oder die Ohrfeige gelten auch heute noch in weiten Teilen der Schweizer Gesellschaft als normal oder gar als ab und zu nötig. Der Kurzfilm macht deutlich spürbar, wie die Eltern und Grosseltern selbst unter diesen Massnahmen litten und sich noch heute sehr gut daran erinnern können. 

Ideen von starken Menschen für starke Eltern
Eltern und Grosseltern erzählen von ihren persönlichen Erfahrungen mit physischer und psychischer Gewalt in der eigenen Kindheit und im Alltag mit ihren Kindern und Grosskindern. Viele Mütter und Väter werden sich in diesen Schilderungen wiedererkennen. Es geht um ganz alltägliche Stresssituationen im Umgang mit dem Nachwuchs, die Eltern an ihre Grenzen bringen. Doch wie kann man sich in solchen Momenten besser verhalten? «Wie kann ich als Mami oder Papi dafür sorgen, dass ich nicht die Kontrolle verliere und mir nicht die Hand oder Worte entgleiten?», fragen sich viele. So einfach sich die Ideen im ersten Moment anhören, genauso wirkungsvoll sind sie auch: «Wenn die Kinder etwas anstellen, zähle ich bis zehn» oder «Wenn ich mich über die Kinder ärgere, gehe ich spazieren» sind einfache, aber wirksame Handlungsalternativen aus der Perspektive der Eltern und/oder Grosseltern. Sie zeigen anderen Erziehungsberechtigten, dass es immer eine Alternative zur Gewalt gibt. Schaffen es Eltern, diese Momente so zu entschärfen, gelingt auch die Umsetzung eines anleitenden Erziehungsstils besser: Die Vermittlung von festen Regeln und klaren Grenzen in einem verständnis- und liebevollen Umfeld.

Kinderschutz Schweiz wünscht sich einen nachhaltigen Wertewandel
Die erste Welle der Sensibilisierungskampagne wurde im Oktober letzten Jahres gestartet und positiv aufgenommen. Schnell wurde aber auch klar, dass Ansichten wie «Es muss halt manchmal sein» oder «Die Kinder von heute haben das nötig» immer noch stark verbreitet sind. Diese Tatsache will die Stiftung Kinderschutz Schweiz ansprechen, ohne zu verurteilen oder zu kriminalisieren. Denn die meisten Erwachsenen fühlen sich, nachdem sie ihr Kind unangemessen bestraft haben, alles andere als glücklich. Viele kennen keine Handlungsalternativen. Genau in diese Lücke zielt die Kampagne «Starke Ideen – Es gibt immer eine Alternative zur Gewalt». «Es ist Zeit für einen nachhaltigen sozialen Wertewandel zum Thema Gewalt in der Erziehung. Wir zeigen die Vorteile einer Erziehung, die ohne unangemessene psychische oder physische Bestrafungen als Erziehungsmittel auskommt», so Xenia Schlegel, Leiterin der Geschäftsstelle der Stiftung Kinderschutz Schweiz.

Erschreckende Ergebnisse
In einer repräsentativen Studie der Universität Fribourg aus dem Jahr 2018 wurden Eltern in der Schweiz zu ihren Erziehungsmethoden befragt. Neben sehr häufig vorkommenden Massnahmen wie «Schimpfen» oder «Verbot elektronischer Medien» wurden auch Erziehungsmittel abgefragt, die von den Wissenschaftlern unter Gewalt kategorisiert werden. Physische Gewalt (z.B. Haare ziehen, Schläge auf den Po, kalt abduschen) wird von 44,4% der befragten Eltern angewendet. Die Häufigkeit und die Form variieren stark: Jeder 20. Elternteil (5,79%) wendet körperliche Gewalt häufig an, jede 3. befragte Person in selteneren Fällen. Von den über 1,2 Millionen Schweizer Kindern (1–15 Jahre) haben somit mehr als 550 000 schon körperliche Züchtigung erleben müssen. Die psychische Gewalt (z.B. Einsperren, Drohen, das Kind wegzugeben, Liebesentzug, Ignorieren) wird weitaus häufiger als Erziehungsmassnahme angewendet: 68,6% der befragten Eltern haben schon darauf zurückgegriffen, wobei 25,15% angeben, ihre Kinder regelmässig bis sehr häufig psychisch zu strafen. Man muss deshalb davon ausgehen, dass 310 000 Schweizer Kinder regelmässig durch psychische Gewalt erzogen werden. Experten sind sich einig, dass sowohl bei psychischer als auch bei physischer Gewalt die Dunkelziffern in der Schweiz weitaus höher sind. Die Folgen von psychischer und physischer Gewalt in der Erziehung sind vielfältig und wissenschaftlich belegt. Sie reichen von Konzentrationsschwächen über Depressionen bis zu Verhaltensproblemen mit Aggressivität sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch.

Sensibilisierungskampagne 2018–2021
Die Stiftung Kinderschutz Schweiz will die Öffentlichkeit, Eltern und Politik auf die Thematik aufmerksam machen und startete im Oktober 2018 die mehrjährige schweizweite Sensibilisierungskampagne «Starke Ideen», die Eltern aufzeigen soll, dass es immer eine Alternative zur Gewalt gibt. Mit der Kampagne promoviert die Stiftung Kinderschutz Schweiz das starke Kind und bringt Eltern dazu, über das Thema «Überforderung in der Erziehung» zu sprechen. Die breite Öffentlichkeit wird für das Thema «Gewalt an Kindern» sensibilisiert und ein Umdenken gefördert. Die Kampagne ist nötig, da Kinder in der Schweiz täglich psychische und/oder physische Gewalt in der Erziehung erleiden, weil sich ihre Eltern, besonders in schwierigen Lebenssituationen, überfordert und hilflos fühlen und in einer spontanen Ventilreaktion oder einem Gefühl der Ohnmacht keine Alternative zu körperlich oder seelisch verletzenden Strafen kennen.