Kinder im Kontext häuslicher Gewalt

Kinder, die häusliche Gewalt erleben, sind erheblichen psychischen Belastungen ausgesetzt und fühlen Angst, Mitleid, Erstarrung und Hilflosigkeit. Auch wenn ein Kind nicht selbst Ziel der körperlichen oder psychischen Attacken ist, ist es immer davon betroffen. Gewalt zwischen den Eltern oder Erziehungsberechtigten zu erleben, stellt für Kinder und Jugendliche in jedem Fall eine Form der (psychischen) Gewalt dar.

Betroffenheit und Folgen für die Kinder

Kantonalen Statistiken zufolge sind bei rund der Hälfte der Polizeieinsätze aufgrund von häuslicher Gewalt Kinder anwesend. Das Miterleben von Gewalt gegen einen Elternteil oder eine nahe Bezugsperson ist für die Kinder eine Form der psychischen Gewalt. Wenn an dem Ort, an welchem Sicherheit und Geborgenheit erfahren werden sollten, eine Atmosphäre von Spannung, Bedrohung und Willkür herrscht, ist die psychische Belastung der Kinder sehr hoch.

In diesen Konfliktsituationen fehlen Eltern zudem häufig die Ressourcen, um in angemessener Weise auf die Bedürfnisse der Kinder zu reagieren, und die Kinder leiden als Folge an Vernachlässigung.

Das Miterleben häuslicher Gewalt stellt deshalb einen grossen Belastungsfaktor in der kindlichen Entwicklung dar: Viele Kinder zeigen Verhaltensauffälligkeiten, die sich in Unruhe oder Aggressivität, aber auch Niedergeschlagenheit oder Ängstlichkeit äussern; einige Kinder zeigen Anzeichen einer Traumatisierung. Das Erleben von Partnerschaftsgewalt wirkt sich aber auch auf andere Bereiche, wie etwa die sozialen und die schulisch-kognitiven Kompetenzen oder die körperliche Gesundheit negativ aus.

Zunehmendes Problembewusstsein – mangelnder Fokus auf Kinder

In den letzten Jahren nahm das Bewusstsein für die Problematik der häuslichen Gewalt in der Schweiz zu. Auf Bundesebene (insbesondere durch den Fachbereich Häusliche Gewalt des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung) wie auf interkantonaler Ebene wurde das Thema verstärkt angegangen. Die Betroffenheit der Kinder wird bei all diesen Aktivitäten und Massnahmen in der Regel nur als ein Aspekt unter vielen anderen behandelt. In einigen Kantonen bestehen spezifische Unterstützungsangebote für von häuslicher Gewalt betroffene Kinder. Deren Evaluationen weisen auf die Effektivität kindzentrierter Ansätze hin. Dennoch fehlen eine systematische Erfassung der kindlichen Betroffenheit sowie die Integration in Betreuungs- und Nachsorgekonzepte teilweise.

Kinderschutz Schweiz setzt sich dafür ein, dass Fachpersonen aus verschiedenen Bereichen, die direkt oder indirekt mit Kindern arbeiten, für die Betroffenheit der Kinder und die Folgen des Erlebens häuslicher Gewalt auf ihre Entwicklung sensibilisiert werden, bspw. durch thematische Inputs an Kongressen und Tagungen, Weiterbildungen oder webbasierte Angebote.

Kinderschutz Schweiz will aber auch betroffene Kinder und Jugendliche direkt stärken, indem diese darüber informiert werden, wo sie im Falle von häuslicher Gewalt Hilfe und Unterstützung finden können. Auch hierzu plant Kinderschutz Schweiz Aktivitäten im Bereich der schulischen und webbasierten Sensibilisierung und Informationsvermittlung sowie einen medialen Beitrag im Rahmen der nationalen Sensibilisierungskampagne „Wie geht’s dir?“.

Des weiteren engagiert sich Kinderschutz Schweiz politisch für einen besseren Opferschutz von Kindern, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, und für den Beitritt der Schweiz zur sogenannten „Istanbul-Konvention“.