Wissenschaftliche Evaluationen

Im Jahr 2006 wurde «Mein Körper gehört mir!» in der Deutschschweiz pilotiert und evaluiert (Evaluationsbericht). Aus dem Kanton Uri gibt es eine kantonale Evaluation aus dem Jahr 2015 (Evaluationsbericht Uri / Zusammenfassung der Evaluationsergebnisse)

Im Folgenden sind die wichtigsten Ergebnisse der Evaluation (2006) zusammengefasst.

Zusammenfassung der Evaluation aus von «Mein Körper gehört mir!» in der Deutschschweiz (2006)

Im Jahr 2006 wurde «Mein Körper gehört mir!» in der Deutschschweiz pilotiert und evaluiert. Insgesamt nahmen 76 Schulkinder und deren Eltern und Lehrpersonen aus Bern, Liestal und Jona an der Evaluation teil.

Schülerinnen und Schüler

Insgesamt profitierten die 1500 Schülerinnen und Schüler vom Besuch der Ausstellung. Sie erlebten, spielten und erprobten an der Ausstellung Verhaltensweisen, die sie ganz direkt in Situationen in der Schulklasse oder gegenüber Erwachsenen weiter ausprobieren können. Die Befragung der Lehrpersonen hat ergeben, dass sich bei fast allen Klassen ein Teil der Schüler_innen nach der Ausstellung weiter mit den Ausstellungsthemen auseinandersetzten. In gut einem Drittel der Klassen findet ein solcher Lernprozess bei mehr als der Hälfte der Kinder statt. Ausserdem gaben die Lehrpersonen an, dass die Kinder in der Klasse offener über Erlebtes Berichteten als vor dem Ausstellungsbesuch. 

Lehrpersonen

Die Befragung zeigt, dass sich die Lehrpersonen nach dem Projekt sowohl besser informiert als auch sicherer im Umgang mit dem Thema sexuelle Gewalt fühlten.  Als besonders hilfreich wurde häufig erwähnt, dass die Lehrpersonen nun besser wissen, wohin sie sich mit Fragen wenden können, wo sie sich Unterstützung holen können. Zudem profitierten die Lehrpersonen in hohem Masse von der Mappe mit Unterrichtsmaterialien zum Thema, die als äusserst hilfreich bezeichnet wurde. Die Mappe enthält zahlreiche konkrete Ideen, wie das Thema im Unterricht auf spielerische Art und Weise aufgegriffen werden kann, indem mit den Schülerinnen und Schüler über Körper, Gefühle, Grenzen und gute und schlechte Geheimnisse gesprochen werden kann und ihr Selbstvertrauen gestärkt werden kann. Die Hälfte der befragten Lehrpersonen gab an, das Material auch in den Folgemonaten eingesetzt haben.

Eltern

Auch die Eltern profitierten deutlich von dem Projekt. So gaben zwei Drittel der Eltern an, sich sowohl besser informiert als auch sicherer im Umgang mit dem Thema sexuelle Gewalt zu fühlen. Als sehr hilfreich bezeichneten die Eltern, dass sie  nun wissen wohin sie sich mit Fragen wenden können und wo sie Unterstützung holen können. Auch die Anregungen, auf welche Weise sie mit ihren Kindern über das Thema sprechen können, wurden geschätzt. Mehr als die Hälfte aller Eltern, die an der Befragung teilgenommen haben, geben an, dass eine weitere Auseinandersetzung mit den Kindern stattgefunden hat mit dem Thema. 

Sind die positiven Effekte nachhaltig?

Der Lernprozess ist sowohl für die Schülerinnen und Schüler, wie auch für Lehrpersonen und Eltern nachhaltig. Gut die Hälfte der Mädchen und knapp die Hälfte der Knaben wenden das Gelernte auch noch Monate nach der Ausstellung an. Zur Nachhaltigkeit des Lernprozesses beigetragen hat, dass die Kinder untereinander ein gemeinsames Lernerlebnis hatten. Sie können sich gegenseitig auf das Gelernte beziehen. Dies gilt auch für die Lehrpersonen und die Eltern – auch bei ihnen wurde durch das Projekt eine Basis geschaffen, auf der eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Verständnis wachsen kann. Um eine langfristige Nachhaltigkeit zu gewährleisten ist es zentral, dass das Thema immer mal wieder aufgegriffen wird.

Niederschwellige Vernetzung

Die Evaluation ergab, dass die Vernetzung zwischen Eltern, Lehrpersonen und spezialisierten Fachstellen, die ein zentraler Faktor im Konzept von «Mein Körper gehört mir!» darstellt, gelingt. Eltern und Lehrpersonen waren nach den Informationsveranstaltungen besser informiert, auch darüber, wohin sie sich im Verdachtsfall mit Fragen und Unsicherheiten wenden können.

Aufdeckende Wirkung des Projekts

«Mein Körper gehört mir!» ist ein Präventionsprojekt und wurde nicht dazu konzipiert, Gewalthandlungen aufzudecken. Dennoch ist es unvermeidlich und auch richtig, dass es durch die Thematisierung von Gewalt auch dazu kommt, dass Gewalterlebnisse berichtet werden. Das Projekt ermutigt die Kinder über Gewalt zu sprechen oder Fragen zu stellen. So berichtet denn auch die Hälfte der Lehrpersonen, in den Monaten nach der Ausstellung von Gewalterlebnissen gehört zu haben, die die Kinder geschildert haben. Meistens handelte es sich dabei um Gewalt, die Kinder untereinander ausübten.

Organisatorisches

Organisatorisch ist das Projekt so angelegt, dass es für die beteiligten Lehrpersonen zeitlich und inhaltlich eine Entlastung darstellt. Die Verantwortung für die Führung durch die Ausstellung liegt bei ausgebildeten Animatorinnen und Animatoren, was von den Lehrpersonen als entlastend empfunden wurde.

Fazit

Das Projekt scheint den richtigen Ton zu finden für die Auseinandersetzung mit einem tabuisierten Thema. So erntete das Projekt in erster Linie grosses Lob. Weder Eltern noch Lehrpersonen berichteten von unerwünschten Wirkungen. Die Lehrpersonen haben auch von Seiten der Eltern keine negativen oder kritischen Rückmeldungen erhalten.


Master-Thesis 2014 «Mein Körper gehört mir!» von Regina Jenzer

Von 2005 bis 2007 lancierte die Stiftung Kinderschutz Schweiz im Rahmen einer Kampagne zur Thematik «Keine sexuelle Gewalt an Kindern» das Präventionsprojekt «Mein Körper gehört mir!». Mittlerweile hat es sich schweizweit etabliert und wird von Schulen und verschiedensten Institutionen regelmässig durchgeführt.

Die Zielgruppe, SchülerInnen der 2.-4. Klasse, wird mit einem interaktiven Ausstellungsparcours und anderen Unterrichtssequenzen in ihrem Selbstbewusstsein, ihrem Selbstbestimmungsrecht und in ihrer Selbstverteidigungsbereitschaft gestärkt sowie auf subtile Signale sexueller Ausbeutung aufmerksam gemacht. Die Eltern werden an Informationsveranstaltungen über die Thematik informiert und die Lehrkräfte dafür geschult.

Doch ist vom Präventionsprojekt «Mein Körper gehört mir!» tatsächlich eine präventive Wirkung zu erwarten? Und wie muss ein solches Projekt konzipiert sind, um möglichst nachhaltige Ergebnisse zu erzielen? Diesen Fragen wurde in einer Master-Thesis mittels einer theorie- und empiriebasierten Analyse nachgegangen.

Die Analyse zeigt, dass das Projekt «Mein Körper gehört mir!» eine hohe Qualität hinsichtlich Didaktik, Methodik und Inhalten aufweist. Das Projekt ermöglicht die Förderung verschiedener Resilienzfaktoren wie z.B. der Selbstwahrnehmung, der sozialen Kompetenz und des Umgangs mit Stress. Resilienz, verstanden als psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber biologischen, psychosozialen und psychologischen Entwicklungsrisiken, kann Kinder darin unterstützen, sich erfolgreich vor sexuellem Missbrauch zu schützen. Ob es mit dem Projekt gelingt, Resilienz zu fördern, hängt aber auch von zahlreichen, mit dem Projekt nicht beeinflussbaren Faktoren wie genetischen und familiären Bedingungen oder dem sozioökonomischen Status ab.

Um mit dem Präventionsprojekt «Mein Körper gehört mir!» eine möglichst nachhaltige Wirkung zu erzielen, ist eine längerfristige Projektdauer notwendig. Weiter soll das Projekt so früh wie möglich zum Einsatz kommen, idealerweise erstmals bereits im Vorschulalter. Die Eltern sind intensiv in das Projekt einzubeziehen, und zielgruppenspezifische Merkmale wie kulturelle Bedingungen sind zu beachten. Durch Berücksichtigung dieser und weiterer Empfehlungen lässt sich die Wirkung des Präventionsprojekts nachweisliche steigern.


Weitere Informationen

Kontaktperson

Marianne Kauer

Marianne Kauer

Wissenschaftliche Mitarbeiterin Prävention

+41 31 384 29 08

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