Bedürfnisse gemeinsam erforschen in vier Schritten

Alle Menschen handeln und verhalten sich nach ihren Bedürfnissen. Im Alltag orientieren wir uns an dem, was wir sehen: am Handeln und Verhalten unserer Mitmenschen. Nicht immer sind wir mit dem, was wir bei den andern sehen, einverstanden. Dies kann zu Streit und Auseinandersetzungen führen, auch zu Hause. Verbringen Eltern viel Zeit mit ihren Kindern daheim, ist es umso wichtiger, dass die Bedürfnisse hinter dem Verhalten gemeinsam gefunden und gehört werden. Und zwar sowohl die Bedürfnisse der Eltern als auch die der Kinder. Damit können Situationen, die zu Konflikten und Streit führen, zu einer Chance werden, die die Familie vielleicht sogar näher zusammenbringt.

Wie das gehen kann? Eine Anleitung in vier Schritten.

1. In einer fordernden Situation zuerst die eigene Sauerstoffmaske überziehen ...

Im Alltag in einer Familie kann es schnell zum Konflikt kommen. Die Kinder schreien laut, und die Mutter oder der Vater wollen sich konzentrieren? Das kennen wir alle. In den letzten Wochen hat sich dieses Szenario wohl öfter abgespielt als auch schon. Bevor in so einer Situation ein Streit beginnt, hilft es, sich eine Atempause zu gönnen und die Kinder noch einen kurzen Moment weiterstreiten zu lassen. Die Anleitung im Flugzeug «Ziehen Sie sich zuerst selbst eine Sauerstoffmaske über, bevor Sie anderen helfen» gilt hier sinngemäss ebenso. Denn erst, wenn die eigenen Bedürfnisse geklärt sind, kann anderen geholfen werden. Die eigenen Bedürfnisse kennen ist der erste Schritt.

2. ... dann andere unterstützen

Im zweiten Schritt sind die Bedürfnisse der Kinder zu klären. Weshalb ist es laut geworden? Was benötigen die Kinder im Moment? Wenn Eltern sehen können, dass ihre Wut einen guten Grund hat und das Rumschreien der Kinder ebenso, schafft das Verständnis. Und Verständnis hilft, dass Eltern und Kinder in Beziehung zueinander bleiben. Kinder können über ihre Bedürfnisse noch nicht in derselben Art nachdenken, wie das erwachsene Personen können. Doch sie haben das Recht, diese zu äussern.

3. Verstehen heisst nicht, einverstanden zu sein

Wenn die Eltern das Bedürfnis des Kindes verstanden haben, heisst das nicht, dass dies auch sofort erfüllt werden kann und soll. Und es heisst auch nicht, dass sie mit Verhalten des Kindes einverstanden sind. Beim Verstehen geht es darum, als Mutter oder Vater mit dem Kind in Beziehung zu bleiben, gemäss dem Motto «Beziehung kommt vor Erziehung». Im dritten Schritt sagen nun die Eltern, was ihre Bedürfnisse sind. Kinder sollen erfahren und lernen, dass auch die Erwachsenen Bedürfnisse und Grenzen haben und für diese einstehen. Am besten werden Wünsche mit einer Ich-Botschaft vermittelt: «Ich möchte in Ruhe meine E-mail fertig schreiben, bevor wir zusammen Zvieri essen.» 

4. Kreative Lösungen finden

Liegen alle Bedürfnisse auf dem Tisch, können im vierten und letzten Schritt verschiedene Wege gesucht werden, wie man sie erfüllen kann – zumindest teilweise. Die Kinder sollen in diesen Prozess miteinbezogen werden. Im Trubel des Alltags geht oft vergessen, dass Kinder sich als Teil der Gemeinschaft erleben und ihren Teil dazu beitragen wollen. Für Kinder ist es wichtig, zu erfahren, dass auch ihre Bedürfnisse wichtig sind und beachtet werden. Beim Finden einer Lösung kommen sie mit den kreativsten Ideen. Sie werden sehen.

Fazit

Sich die Zeit für den gemeinsamen Weg zu nehmen, lohnt sich. Das gemeinsame Besprechen von Bedürfnissen und das Aufeinandereingehen stärken Gelassenheit und Verständnis der Beziehung und erfüllen gleich mehrere Bedürfnisse aller Familienmitglieder:

  • gegenseitige Verbundenheit und Unterstützung,
  • mehr Leichtigkeit und Wertschätzung im Umgang miteinander,
  • gemeinsames Lernen und Auf-dem-Weg-Sein.

Hintergrund

Die Aussagen sind zentrale Elemente der gewaltfreien Kommunikation und des Elternkurses Starke Eltern – Starke Kinder®.