symbolbild

Psychische Gewalt an Kindern

Auf dieser Website finden Sie Informationen zum Thema «Psychische Gewalt an Kindern». Ausführlicher informiert Sie unsere Broschürenreihe «Gewaltfreie Erziehung» (5 Broschüren zu: Physische Gewalt, Psychische Gewalt, Sexuelle Ausbeutung, Vernachlässigung, Strukturelle Gewalt sowie eine Begleitbroschüre). Die Broschüren können bezogen werden bei Kinderschutz Schweiz in Bern, info@kinderschutz.ch, Telefon 031 398 10 10.

Autorin dieser Seite: Karin Gerber, Elternnotruf Zürich

Was ist psychische Gewalt?

Psychische Gewalt an Kindern zählt zu jener Gewaltform, die wohl am häufigsten auftritt, jedoch am wenigsten sichtbar ist, weil keine äusserlichen Verletzungen ausgemacht werden können. Sie wird nicht selten als «normale Erziehungsmethode“ verharmlost. Eltern, aber auch Bezugspersonen von Kindern (Lehrerinnen und Lehrer oder Betreuende) greifen im Alltag aktiv wie auch passiv, d.h. ohne es zu wollen oder gar zu merken, zu dieser Form der Gewalt. Auch unter Erwachsenen und unter Kindern und Jugendlichen wird psychische Gewalt ausgeübt.

Psychische Gewalt wird durchaus nicht immer isoliert ausgeübt – sehr oft tritt sie in Kombination mit oder als Bestandteil von anderen Formen von Gewalt auf. Sexuelle Gewalt zum Beispiel ist immer auch psychische Gewalt.

Je häufiger Situationen von psychischer Gewalt im Leben des Kindes vorkommen und je regelmässiger es von einer bestimmten Art von psychischer Gewalt betroffen ist – je mehr «System“ die psychische Gewalt hat – desto schwerwiegender sind die möglichen Folgen für das Kind.
Häufig ist psychische Gewalt erster Ausdruck einer schwierigen Beziehung zwischen Erwachsenen, Eltern, Bezugspersonen und ihren Kindern. Die Kinder, angewiesen auf die wohlwollende Aufmerksamkeit der Erwachsenen, können sich nicht zur Wehr setzen, werden gefügig oder fühlen sich schuldig am Misslingen der Beziehung. Aus dieser schwierigen Position heraus entwickeln Kinder nicht selten überlebensstrategien, die sie schliesslich als «schwierige Kinder“ erscheinen lassen.

Einige Beispiele psychischer Gewalt

Zurückweisen, verstossen, degradieren, bloss stellen:

Der übergewichtige Felix hat im Diktat einmal mehr eine schlechte Note geschrieben. Der Lehrer verteilt die Arbeiten in der Klasse. Vor Felix bleibt er stehen, lächelt und sagt: «Schlanke Kinder lernen leichter!“

Der Lehrer übt an Felix psychische Gewalt aus, weil er Felix wegen seines Aussehens und seiner schlechten Noten vor der ganzen Klasse bloss stellt und demütigt.

Isolieren:

Alle Mädchen aus Serainas Klasse dürfen im Sommer den Mittwochnachmittag im Schwimmbad verbringen. Serainas Eltern finden, dass sie besser zuerst die Aufgaben erledigen sollte und dass der eigene Garten der geeignetere Spielort für Zwölfjährige sei. Sie könne ja eine Freundin nach Hause einladen, sagt Serainas Mutter, wenn sie nicht allein sein wolle. Die Mädchen aus Serainas Klasse finden sie ziemlich seltsam, weil sie immer gleich nach Hause geht.

Die wichtigen sozialen Kontakte mit anderen Kindern werden von den Eltern stark eingeschränkt, schlecht gemacht und manchmal sogar verboten. Der Bewegungsfreiheit des Kindes wird von den Eltern unangemessen Grenzen gesetzt.

Schikanieren:

Täglich muss Johan immer wieder dasselbe Stück auf dem Klavier spielen – ein Stück, das er demnächst aufführen soll. Obschon er das Klavierspielen nicht mag, wird er zum täglichen üben gezwungen. Seine Mutter sitzt daneben und tadelt ihn bei jedem Fehler; ansonsten widmet sie sich ihm kaum. Johan macht auch schon den grossen Einkauf. Schwer beladen kommt er jeweils mit den Einkaufstaschen nach Hause. Dort kontrolliert seine Mutter den ganzen Einkauf bis aufs Kleinste. Fehlt etwas, oder hat Johan das falsche Produkt gewählt, wird er dafür bestraft. Den regelmässigen Wutausbrüchen seiner Mutter fiel erst kürzlich seine über alles geliebte Muschelsammlung zum Opfer.

Wer an sein Kind rigide oder unrealistische Erwartungen stellt und ihm gleichzeitig mit Strafen oder Schlägen droht, sollte es diese nicht erfüllen, fügt ihm psychische Gewalt zu. Auch der wiederholte Zwang, unangenehme oder ungeliebte Dinge zu tun – etwa das Klavierüben, obschon das Kind ausdrücklich nicht Klavierspielen will –, ist eine Schikane und als solche eine Form psychischer Gewalt, ebenso die Zerstörung von Gegenständen, die dem Kind lieb sind.

Wie viele Kinder sind von psychischer Gewalt betroffen?

So verbreitet psychische Gewalt an Kindern ist, so wenig lässt sich die Anzahl betroffener Kinder beziffern. Zu diesem Thema liegen keine wissenschaftlichen Studien vor. Gleichwohl steht fest: Psychische Gewalt zählt zu den häufigsten Formen von Gewalt an Kindern. Kinder, die körperlich und sexuell ausgebeutet oder vernachlässigt werden, erfahren neben der körperlichen auch psychische Gewalt. Wird psychische Gewalt allein ausgeübt, ist sie meist schwer zu beweisen, denn sie hinterlässt keine körperlichen Spuren. Oftmals werden übertrieben «brave“ Kinder nicht als mögliche «Opfer“ wahrgenommen, im Gegenteil findet die erzieherische Leistung der Eltern Beachtung und Anerkennung.

In welchem Umfeld kommt psychische Gewalt vor?

Grundsätzlich ist niemand davor gefeit, psychische Gewalt anzuwenden. Beim grossen Ausmass, in dem diese Form von Gewalt angewendet wird, sind Merkmale der Täter und TäterInnen und spezifischer Situationen und Bedingungen kaum aussagekräftig zu erheben. Die Mehrheit der Erwachsenen übt psychische Gewalt gegen Kinder aus. Spezifische Persönlichkeitsmerkmale sind unter diesen Umständen nicht festzustellen. So 'normal' (statistisch gesprochen) Gewalt gegen Kinder ist, so herkömmlich und üblich sind auch die Merkmale und Charaktere jener, die Gewalt anwenden.

Forschungsergebnisse legen nahe, dass mit steigenden Belastungen, denen eine Familie ausgesetzt ist, auch das Risiko für Gewalthandlungen (darunter auch die psychische und insbesondere die verbale Gewalt) wächst.

Als Ursachen der Gewalt müssen immer viele unterschiedliche Faktoren in Betracht gezogen werden. Meist wirken individuelle, familiale, soziale und gesellschaftliche Faktoren zusammen.

Wo z.B. persönliche Krisen, Partnerschafts- und Arbeitsplatzprobleme, gesundheitliche, finanzielle, schulische und weitere Schwierigkeiten aufeinander treffen, wo das Angbot an Hilfe und Unterstützung gering ist, wo Gewalt eine hohe Akzeptanz hat usw., dort ist die Gefahr gross, dass Gewalt eher auftritt.

Welche Folgen kann psychische Gewalt haben?

Unmittelbar löst die psychische Gewalt beim betroffenen Kind negative Gefühle aus. Es fühlt sich niedergeschlagen, gedemütigt, blossgestellt, minderwertig, orientierungs- und hoffnungslos.

Psychische Gewalt kann viele unterschiedliche Probleme zur Folge haben. Als wichtigste zu erwähnen sind etwa Lügen, Stehlen, aggressives Verhalten generell, Einkoten, Bettnässen, geringes Selsbtwertgefühl, emotionale Instabilität, Ängste, Lernbehinderungen, Leistungsschwächen oder Leistungsprobleme, Unfähigkeit zu Vertrauen, Depression, Rückzug, bis hin zu Mord oder Selbstmord.

Was tun gegen psychische Gewalt?

«Die richtige Erziehung“ gibt es nicht, und auch Kinder wünschen sich keine perfekten Eltern. Diese entscheiden jedoch, welche Werte, Fähigkeiten und Verhaltensweisen sie bei ihren Kindern fördern und wie sie auf das Verhalten der Kinder reagieren möchten.

Dass Kinder gesund heranwachsen können, hängt massgeblich von der (psychischen) Verfassung der betreuenden Personen und deren Möglichkeiten ab. Sind neben den Stärken und Schwächen der Kinder auch die eigenen bekannt, so müssen Unzulänglichkeiten weder überspielt noch verleugnet werden, und somit stehen Eltern wie auch ihre Kinder weniger unter Druck.

Häufig zögern Eltern, sich von aussen Hilfe zu holen. Sie schämen sich, fühlen sich schuldig oder denken, sie müssten die Dinge selbst in den Griff bekommen. Sich Unterstützung zu holen, ist jedoch der erste Schritt zu einer gewaltfreien Beziehung zwischen erwachsenen Bezugspersonen und ihren Kindern.

Eltern müssen wissen, dass sie nicht allein sind, dass sie schnell und unbürokratisch Hilfe erhalten. In der Beratung geht es nicht darum, Schuldzuweisungen auszusprechen, sondern die Fähigkeiten dieser Eltern zu erweitern, sie zu stärken.

Gerade Eltern oder andere erwachsene Bezugspersonen von Kindern, die selbst noch unter Erlebnissen aus ihrer Kindheit leiden, benötigen in schwierigen Situationen Hilfe von aussen, damit sie als Erziehende nicht wiederholen, worunter sie als Kinder selber gelitten haben.

Unerwünschtes Verhalten der Kinder können Eltern nur schwer aushalten oder gar übergehen, «übersehen“. Und sie neigen dazu, unmittelbar darauf zu reagieren. Dabei erzielen sie häufig eine gegenteilige Wirkung. Bloss stellen, Wut und Strafen helfen dem Kind nie.

Vielmehr sollten sich Eltern fragen, was hinter dem «störenden“ Verhalten eines Kindes steckt, beispielsweise mangelnde Zuwendung, ablehnendes Verhalten von Kameraden oder überforderung durch unrealistische Erwartungen der Eltern.

Kontakte zu anderen Kindern sind für eine gesunde Entwicklung notwendig, und Kinder lernen dabei sehr viel: Beziehungen eingehen, kommunikative Fähig- und Fertigkeiten, im Besonderen auch das Streiten oder den Umgang mit Meinungsverschiedenheiten. Dies sind wichtige Voraussetzungen, um andere Menschen realistisch einschätzen zu können.

Eltern müssen lernen, ihren Kindern zu vertrauen, deren Stärken wahrzunehmen und diese zu akzeptieren. Es gilt aber auch auszuhalten, dass dem Kind einmal Unrecht geschieht.

Fazit

Eltern und andere für die Erziehung eines Kindes verantwortliche Personen können den Kreislauf der Gewalt durchbrechen, indem sie sich von den Vorstellungen der «heilen Familie“ und der «perfekten Erziehung“ verabschieden und sich offen über Schwierigkeiten in der Erziehung mit anderen Eltern oder Erzieherinnen und Erziehern austauschen und/oder sich fachlichen Rat und Unterstützung holen. Alle Menschen, die Verantwortung für Kinder tragen, sollten sich untereinander über die Erfahrungen im Erziehungsalltag austauschen und somit die eigenen Erziehungsmethoden hinterfragen können.

Was tun, wenn psychische Gewalt bei einem Kind erkannt wird?

Wenn Sie von psychischer Misshandlung von Kindern Kenntnis haben, oder wenn Sie vermuten, dass einem Kind psychische Gewalt angetan wird, nehmen Sie Ihre Vermutung ernst und lassen Sie Ihr 'ungutes' Gefühl nicht auf sich sitzen. Es ist besser, ein Mal zu früh als ein Mal zu spät oder gar nicht zu handeln. Nehmen Sie Ihre Verantwortung wahr.

Beobachten Sie und sammeln Sie sämtliche Informationen, die Sie haben. Halten Sie die Informationen schriftlich fest.

Entscheiden Sie sich, ob Sie selber mit den betreffenden Eltern Kontakt aufnehmen oder ob Sie sich an Fachpersonen wenden möchten.

Wenn Sie den Kontakt und das Gespräch mit den Eltern suchen, denken Sie daran, dass es nicht darum geht, nach Schuldigen zu suchen oder die Eltern zu verurteilen. Ziel eines Gesprächs muss sein herauszufinden, wie den Eltern am besten geholfen werden kann, dass sie in Zukunft auf Gewalt verzichten können.

Überlegen Sie sich genau, ob Sie mit einem direkten Gespräch den Druck auf Eltern und Kinder nicht erhöhen und damit eine Hilfestellung erschweren.

Meistens ist es in solchen Situationen der Sache dienlicher, wenn Sie mit einer Fachperson, einer Fachstelle oder allenfalls sogar mit der zuständigen Behörde Kontakt aufnehmen. Sie können, wenn nötig noch ohne Namen zu nennen, über Ihre Beobachtungen und Informationen sprechen.

Mit Fachleuten (Fachstellen) können Sie das weitere Vorgehen besprechen. Eine Möglichkeit besteht darin, der zuständigen Behörde (Vormundschaftsbehörde) Meldung zu machen.

Die Vormundschaftsbehörde hat die Pflicht, immer dort, wo das Wohlergehen eines Kindes gefährdet erscheint, die nötigen Untersuchungen in die Wege zu leiten und allfällige Massnahmen zur Behebung der Gefährdungssituation zu beschliessen.

Rubriken